Vor einer Woche war der Lörracher Burghof bis auf den letzten Platz besetzt; es wurden eindrückliche Filme über das moderne Afghanistan der 1970er-Jahre gezeigt und mit Afghanen und dem Regional-Publikum über die Zukunft diskutiert: Wo steht das schwer gebeutelte Land 2030? Einige sahen die Chancen im möglichen Weltfrieden oder der Harmonie zwischen den Stämmen, andere waren nüchterner: Dannzumal werden in Ostasien mit 5,2 Milliarden mehr Menschen leben als in allen übrigen Weltregionen zusammen.

Europa wird dagegen zur Altersresidenz und als einziger Kontinent weniger Leute haben als heute – noch knapp 0,7 Milliarden. Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu ahnen, dass die neue Weltmacht China, welche schon heute die alte Seidenstrasse systematisch ausbaut, den grossen Reichtum an Bodenschätzen direkt vor der Haustüre in ihr Projekt der Stärke einbeziehen wird. Plötzlich stand die Frage im Raum: Welche Rolle spielt dann eigentlich noch Europa? Und Deutschland, oder die kleine Schweiz, welche weniger Einwohner hat als bloss eine der vielen chinesischen Grossstädte?

Diese Frage sollten sich unsere Politiker in Bundesbern oder auch in unserer Region, die vom Welthandel lebt, häufiger stellen. Der momentane Wohlstand, den wir weitgehend dem Fleiss und der Weitsicht unserer Ahnen verdanken, verleitet zu trügerischer Selbstzufriedenheit. Im «Doing Business Index 2018» der Weltbank steht die Schweiz bei Unternehmensgründungen inzwischen auf Platz 73 (von 190), immerhin noch knapp vor Burkina Faso.

Die Verbürokratisierung hat groteske Ausmasse erreicht, alleine für die administrative Bewältigung der kompliziert ausgestalteten Mehrwertsteuer muss die Schweizer Wirtschaft jährlich zwei Milliarden Franken unproduktiv ausgeben. Auch in Sicherheitsfragen leistet sich die Schweiz teure Folklore statt Effektivität. In Zeiten von aggressivem Cyberwar, täglichen elektronischen Spionage-Angriffen auf die hiesige Wirtschaft, Internetkriminalität, Terrorismus und unkontrollierter Migration möbelt der Bund alte Militärlastwagen auf, statt rechtzeitig die dringend notwendige Gefahrenabwehr sicherzustellen.

In dieser Trägheit geht auch der Kontakt zur Bevölkerung mit ihrem untrüglichen Bauchgefühl verloren. Ob MEI, USR III oder AHV-Reform, wer die Grenzgängerthematik im Tessin ignoriert, Steuerreformen mit Abzügen auf Fiktivem präsentiert oder die Vermischung der Sparsäulen nicht plausibel erklären kann, kriegt demokratisch die Quittung präsentiert. Die Legislatur-Halbzeitbilanz in Bundesbern lautet: ungenügend. Im Basler Grossen Rat gibt es sogar Falschdrücker; so viele, dass die Abstimmungsresultate nicht immer der effektiven Mehrheitsmeinung des Rates entsprechen.

Unseren radikal liberalen Staatsgründern sei ewig Dank, dass sie mit der Einführung der direkten Abstimmungs-Demokratie für das Korrektiv gegenüber mangelhafter Politarbeit sorgten. Besonders schön sind die zuweilen kuriosen Wege, welche die Gewählten wieder zur Lebenswirklichkeit hinführen. Nach der Debatte im Ständerat zur Kuhhorn-Initiative des Bauern und Initianten Armin Capaul stellte Bundesrat Johann Schneider-Ammann ehrlich fest: «Ich habe ihn unterschätzt.» Es ist gut möglich, dass der gewitzte Bauer im Abstimmungskampf eine breite Debatte über das Verhältnis Mensch-Tier auslöst und am Schluss die Abstimmung auch noch gewinnt.

Mit Einsicht beginnt die Korrektur, Menschen oder Herausforderungen zu unterschätzen, muss schiefgehen. So ist der Bundesrat nach der verlorenen Abstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative gleich mehrmals ins Tessin gereist, um die Probleme vor Ort zu besprechen. Hätte er es vor der Abstimmung getan, hätte er sie gewonnen.

Immerhin ist jetzt wieder ein Tessiner im Bundesrat, um dort die zuvor unterschätzte Italianità einzubringen. Dank den geerbten Standortvorteilen können wir uns solche Anpassungen in Wohlstand und Ruhe (noch) leisten. Mit Blick auf die unberechenbaren Veränderungen in unseren Absatzmärkten, den geopolitischen Unsicherheiten und der immer präsenteren Industrie 4.0 sind allerdings wesentlich mehr Pioniergeist und Fitness gefragt. Nur schon ein einheitlicher Mehrwertsteuer-Satz würde die Wirtschaft um über eine halbe Milliarde von Administrativem entlasten. Die radikal liberalen Staatsgründer haben es vorgemacht, wie ein kleines Land an die Spitze kommt. Mit dem entsprechenden Gestaltungswillen bleiben wir auch dort.

*Thomas Kessler ist Agronom, er berät Behörden und Firmen. Zuvor war er Basler Kantons- und Stadtentwickler, vorher Leiter der Integrationsstelle und von 1991 bis 1998 Basler Drogendelegierter.