16 Frauen und Männer aus Nigeria und Guinea wurden am Dienstagmorgen in Weil am Rhein auf einem Güterzug entdeckt. Versteckt hatten sie sich in einem Container. Gesehen wurden sie schon auf dem Güterbahnhof in Muttenz, doch man schaute lieber weg. Oder nicht so genau hin. Eine schwangere Frau und ein Mann versuchten es gestern auf die gleiche Weise. Wie lange diese Menschen bei eisigen Temperaturen ausharren mussten und wo sie den Güterzug genau bestiegen, ist nicht restlos geklärt. Klar ist bloss: Auch sie wollten nach Deutschland, wo die arg abgekühlte Willkommenskultur noch immer eine gewisse Sogwirkung entfaltet. Jedenfalls verkaufen die Schlepper, die ihr zynisches Geschäftsmodell retten wollen, das Nachbarland weiterhin als Paradies für Menschen auf der Suche nach einem besseren und sicheren Leben.

Doch nicht nur die Schlepper sind zynisch. Die Politik ist es auch. Selbst im Land von Henry Dunant. Täglich queren Flüchtlinge die Schweiz. Oft auf der Route Chiasso-Basel. Jene, die den Grenzübertritt schaffen, versuchen es meist im Zug. Manche werden am Bahnhof aufgegriffen, bevor sie ins 8er Tram Richtung Weil am Rhein gelangen können. Sie werden es später wieder versuchen. Nachdem diese Menschen der Willkür und nicht selten Gewalt von Schleppern und korrupten Beamten in Libyen und anderswo ausgeliefert waren, stellen die letzten Hürden keine Hindernisse mehr dar. Die Erinnerung an Wochen und Monate in erbärmlichen Lagern ist stärker als das, was noch vor ihnen liegt. Zumal die Schweiz den Flüchtlingsstrom nicht mit allen Mitteln zu verhindern sucht, solange die Endstation ausserhalb des Landes liegt.

Die grossen Zahlen sind es nicht mehr, welche die Öffentlichkeit vor allem in Deutschland wie in den Jahren 2015 und 2016 aufgeschreckt hatte. Insgesamt wurden dank Kanzlerin Angela Merkels Menschlichkeit über eine Million Asylsuchende aufgenommen. Mit ein Grund für den kometenhaften Aufstieg der AfD und willkommener Anlass für Nazis jeden Alters, sich aus ihren Löchern zu wagen. Nicht dass die Schweiz völlig frei von einer solchen Entwicklung wäre, doch in der Regel werden die Unappetitlichkeiten in einigermassen gesittetem Rahmen serviert. Im nördlichen Nachbarland, in Österreich, Ungarn und weiteren europäischen Staaten, die von der grossen Flüchtlingswelle direkt betroffen waren, bestimmen Töne die Debatte, die man in Europa nie mehr hören wollte. Und nicht nur das. Nationalistische und offen fremdenfeindliche Parteien werden stärker und, vor wenigen Jahren undenkbar, sogar in Regierungen eingebunden.

Das alles ist nicht die Schuld jener Menschen, die vor Krieg und Elend flüchten oder «nur» die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Europa treibt. Die Schuld trägt zu einem grossen Teil eine jahrzehntelange Politik der Ausbeutung, des Immer-Mehr-Wollens. Man traut sich fast nicht mehr, das zu schreiben, zu stark erinnert es an alte Kampfparolen naiver Weltverbesserer. Doch es ist die Wahrheit. Und sie gilt auch heute noch. Beim Kampf um geopolitischen Einfluss und Rohstoffe mag sich die Frontlinie verschoben haben und neue Akteure wie China sind auf den Plan getreten, doch die Verwüstungen sind nicht weniger geworden. Der Waffenhandel boomt. In Syrien und anderswo werden ohne die geringste Rücksicht auf die Zivilbevölkerung blutige Kriege geführt. Im Rennen um die letzten Bodenschätze wird jede Zurückhaltung abgelegt. Und der Klimawandel bedroht Millionen Menschen direkt. Das Resultat: Nie gab es mehr Flüchtlinge als jetzt.

Und was machen wir hier in Westeuropa? Wir nerven uns über Asylsuchende, denen wir pauschal unterstellen, nur zu kommen, um sich auf unsere Kosten ein schönes Leben zu machen. Selbstverständlich gibt es die Tunichtgute, auch die Kriminellen und die Islamisten. Denen ist mit rechtsstaatlichen Mitteln beizukommen. Aber können diese wenigen Fälle Grund sein, die Grenzen, Augen und Herzen zu schliessen? Können sie allen Ernstes angeführt werden, wenn man sich faschistoiden Heilslehren verschreibt? Wenn man Völkerrecht ausser Kraft setzen will, um sich gemütlich einzuigeln? Wenn man Humanität durch Abschreckung ersetzt?

Die 18 Menschen aus Nigeria, Guinea und Gambia, die im Container aufgegriffen wurden, haben sich nicht beirren lassen. Ihnen ist alles lieber, als die Hoffnungslosigkeit in einem kriegsversehrten, respektive eines wirtschaftlich am Boden liegenden Landes, ertragen zu müssen. Es ist mehr als fraglich, ob sich ihre Strapazen gelohnt haben. Denn die Kriterien sind streng, um nur schon als vorläufig aufgenommen zu gelten. Der Traum vom neuen Leben in einer neuen Heimat erfüllt sich selten. Umso mehr sollten solche Fälle nicht einfach als Randnotiz wahrgenommen und dann schnell wieder vergessen werden. Sie sollten vielmehr dazu anregen, über das eigene Glück und dessen Grundlage nachzudenken.