Mit der Abstimmung vom 27. November über den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie erfüllt sich ein Postulat der Besetzung von Kaiseraugst. Das Hüttendorf im Dauerregen des Frühlings 1975 verlangte nämlich nicht den Bauverzicht, sondern «einen demokratischen Volksentscheid». Zweites Anliegen der Bewegung war eine «meteorologischen Oberexpertise» zu den Auswirkungen der Kühltürme auf das regionale Wetter. Drittens forderte sie die Lösung des Atommüll-Problems vor Baubeginn und viertens «Straflosigkeit für die Besetzer».

Die «meteorologische Oberexpertise» hat sich erübrigt. Das Aktenzeichen Atommüll bleibt bisher ungelöst. Und Straflosigkeit gab es nur zum Teil: Fünf Besetzer
wurden stellvertretend für Zehntausende vom Bezirksgericht Rheinfelden zu Geldbussen verurteilt (darunter auch der Autor dieser Zeilen).

Nun kommt wenigstens der «demokratische Volksentscheid». Leider stimmen wir nicht über den Bau, sondern – Ironie der Geschichte – über die Stilllegung der strahlenden Meiler ab. Der Fehler der Anti-AKW-Bewegung ist dieser um 40 Jahre verspätete Urnengang sicher nicht.

An einer Veranstaltung der Handelskammer beider Basel in Muttenz beklagte Bundesrätin Doris Leuthard vorletzte Woche, dass die Initiative bereits 2017 «auf einen Schlag» drei AKW vom Netz nehmen will, nämlich Beznau 1, Beznau 2 und Mühleberg. Dies entspreche dem Stromverbrauch «von 1,4 Millionen Haushalten».

Nun ist Beznau 1 schon über ein Jahr nicht mehr am Netz. Die Sicherheitsprobleme sind so enorm, dass nicht einmal die sehr atomfreundliche Schweizer Aufsichtsbehörde ENSI den Weiterbetrieb ohne Nachrüstung verantworten kann. Es ist unklar, ob sich diese Nachrüstung rentiert, wie auch Doris Leuthard zugestand. Auch bei Mühleberg ist der Fall klar: Die Bernischen Kraftwerke BKW planen bereits
die Abschaltung auf 2019. Da wird also auch kein Auge mehr feucht, wenn es ein paar Monate früher sein müsste.

Wir reden also nur noch von einem Reaktor: dem Uralt-Meiler Beznau 2. Die Stilllegung dieses Gefahrenherds würde die Schweizer Stromproduktion um vier Prozent senken. Bei Bedarf wäre diese Energie sofort durch günstigen, erneuerbaren Strom ersetzbar. Leuthard sprach hingegen von drohenden «Atom- und Kohlestromimporten». Dass es auch anders geht, beweisen die Basler IWB. Sie haben nur noch erneuerbaren Strom in ihren Leitungen – weil es die Bevölkerung so bestimmte.

Keine Kontroverse löste in Muttenz die zweite Etappe der Stilllegung aus, wie sie die Initiative vorsieht: die Abschaltung von Gösgen und Leibstadt bis 2029. Auch Doris Leuthard schwieg dazu. Diese Kraftwerke produzieren wegen hohen Produktionskosten einen Nettoverlust von einer Milliarde Franken pro Jahr. Deshalb möchte sie Alpiq-Chef Jens Alder am liebsten verschenken, wie er der Umweltkommission des Nationalrats sagte.

Fazit: Endlich erfüllt sich wenigstens eine Forderung von 1975. Die beiden Basel hätten damals, wären sie gefragt worden, gegen den Einstieg in die Atomenergie gestimmt. Ein deutliches Ja zum Ausstieg ist deshalb nur konsequent.