Mein Leben im Dreiland

Frankreich gibt mir zu denken

Peter Schenk darüber wie sich Frankreich verändert – auch im Hinblick auf die nächsten Wahlen.

Sie sind sicher kein Einzelfall. Die beiden erwachsenen Kinder meines Strassburger Freundes haben eine gute Ausbildung, aber ein Job scheint in weiter Ferne. Selbst die erfolgreiche Teilnahme an einem der typischen «Concours», einem Auswahlverfahren, ist keine Garantie. Da sitzen dann 700 junge Menschen in einem riesigen Saal vor identischen Aufgaben und wissen, dass vielleicht 30 von ihnen bestehen werden.

Ein erfolgreicher Abschluss ermöglicht den Weg in die Elite-Hochschulen, aus denen die führenden Manager, Verwaltungschefs und Politiker Frankreichs kommen. Einen CEO eines grossen Konzerns, der sich in seinem Betrieb hochgearbeitet hat, wird man in Frankreich nur in Ausnahmefällen finden. Geschaffen werden soll so eine «Elite républicain».

Seitdem die Präsidentschaftswahlen und ein möglicher Sieg der Rechtsextremistin Marine le Pen vor der Tür stehen, rede ich mit meinen französischen Freunden viel über grundsätzliche Fragen. So auch neulich bei einem Besuch in Strassburg. Ich hatte das Auto in Mulhouse hinter dem Bahnhof abgestellt.

Mitten auf der Fussgängerüberführung über die Gleise sorgte eine sieben Meter lange und zehn Zentimeter tiefe Wasserlache für nasse Füsse – der Blick auf den Bahnhof ist von hier so trostlos wie der Zustand der Überführung. Die Fahrt im modernen Regionalzug nach Strassburg hat dafür super geklappt. Auch der Besuch des Museums für Moderne Kunst hat mich begeistert. Gleichzeitig war es auf dem WC nicht möglich, sich die Hände richtig zu waschen, weil die Seifenspender leer und kaputt waren.

Vielleicht ist das banal, aber für mich sind das Kontraste. Und als ich guter Dinge in der Fussgängerzone unterwegs war, patrouillierten vier Soldaten mit schusssicherer Weste und MP im Anschlag an mir vorbei. Für viele Franzosen mögen die Anti-Terrormassnahmen heute zum Alltag gehören, mich aber hat das schockiert.

Jeder vierte junge Erwachsene unter 25 ohne Job, ein bürgerlicher Präsidentschaftskandidat, der sich durch Skandale diskreditiert und ein reformresistentes Land ... Meinem Strassburger Kollegen ist aufgefallen, dass die Deutschen nur noch an Frankreich rummeckern. Die frühere Begeisterung sei verschwunden. Ich verstehe das – und nicht nur wegen meinen nassen Füssen.

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Peter Schenk

Peter Schenk

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