Der Geistschreiber

Freie Frauen, freie Männer

Landsgemeinde im Kanton Appenzell Innerrhoden (Archiv)

Unsere Mütter hatten damals noch nicht mal das kantonale Stimm- und Wahlrecht. Aber was waren unsere Eltern später stolz auf unsere Lebensentwürfe.

Landsgemeinde im Kanton Appenzell Innerrhoden (Archiv)

Der Geistschreiber über Freiheit. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Am Freitag letzte Woche sind meine Frau und ich um halb sechs aufgestanden. Wir haben noch ein paar Worte geplaudert, bevor sie aus dem Haus ging. Sie leitet im Vollzeitpensum sechzig Mitarbeitende, davon etwa fünfzig Frauen, welche Blutdruck messen, Insulin spritzen, gebrechliche Körper waschen, betagte Seelen aufmuntern. Den Frauenstreikbutton mit der Faust trugen sie nicht. Der Berufsverband wollte den Kundinnen und Kunden nicht die Faust zeigen. Er stellte aber einen Stoffkleber bereit: «Stellen Sie sich vor, ich würde heute streiken.»

Um sieben stieg ich in meine Schreibstube hinauf und in das Drehbuch für die dritte Staffel meines Kinderkrimis für «Zambo» auf Radio SRF hinein. Nur wenn ich rechtzeitig liefere, bleiben Redaktorin Julia, Regisseurin Zita und Ressortleiterin Anina bei Laune. Meiner Hauptfigur Fabienne dürfte ich ruhig auch mal eine Niederlage verpassen, findet Katja, die mich seit Kurzem als Co-Autorin unterstützt.

Zwischendurch habe ich vier Maschinen gewaschen. Der Haushalt ist ein prima Ausgleich zur Schreibstube. Einkauf, Ernährung, Entsorgung, Waschen – seit eh und je mein Ressort. Meine Frau schwatzt mir nicht drein. Ich würde ohnehin besser kochen, sagen unsere Töchter. Putzen und Glätten finden wir alle ätzend, aber meine Frau verdient so viel mehr als ich, dass wir uns zumindest zweimal im Monat Silvana gönnen. Unterschätze nie die flotten Begleiterscheinungen einer Frau, die im Job vorwärts macht.

Am Abend haben wir noch zusammen eine Kühlschrankfüllung eingekauft. Nachher ist sie ins Kickboxen und Tai Chi und ich habe gearbeitet an der Moderation für das Fest zur Wahl der neuen Kantonsratspräsidentin von Appenzell Ausserrhoden. Katrin und ich waren Schulgspänli, Puuregofe (appenzellisch für «Bauernkinder»). Freisinnig, zäh, appenzellig. Sie lernte Arztgehilfin, ich lernte Koch. Ich wurde Autor, sie Führungsfachfrau, selbständige Organisationsberaterin, Supervisorin – und Kantonsratspräsidentin. Und nun habe ich ihre Gala moderiert.

Unsere Mütter hatten damals noch nicht mal das kantonale Stimm- und Wahlrecht. Aber was waren unsere Eltern später stolz auf unsere Lebensentwürfe. Erst als die Zäune niedergerissen waren, haben wir alle begriffen, wie gross die Spielwiese sein kann und wie einengend die Kleingehege aus gesellschaftlichen Zwängen, sozialer Kontrolle, Rollenklischees und Angst vor Macht- oder Gesichtsverlust. Freiheit lohnt sich. Freiheit ist ein Kerngeschäft der Schweiz.

Höchste Zeit, dass sie auch Teil unseres Geschäftsmodells wird. Dann geht in der Schweiz die Post ab.

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