Freunde aus England waren zu Besuch bei uns. Nicht zum ersten Mal, darum wissen sie schon etliches über Basel. Dass wir nicht irgendeinen Carnival feiern, sondern die scheenschti Fasnacht; den Unterschied zwischen Gross- und Kleinbasel, und dass Basellandschaft nochmals eine ganz andere Lebenswelt ist als der Stadt-Halbkanton - so richtig spürbar aber erst, wenn der Speckgürtel hinter einem liegt. Nick weiss, dass seine grosse Liebe (neben Linda natürlich), der Liverpool FC, unserem FCB Momo Salah und Shaqiri verdankt. Dass wir Liverpool das Leben schon sehr schwer gemacht haben, verzeiht er grosszügig, weil wir ManU noch viel mehr Schaden zugefügt haben.

Schwieriger wird es, wenn wir unseren Gästen erklären müssen, warum die beiden Basel nur Halbkantone sind, während Bern und Jura trotz Trennung ganze Kantone sind mit doppelt so viel Vertretenden im Ständerat. Das verstehe ich nämlich selbst nicht. Umgekehrt versuchen sie uns zu erklären, was der Sinn des Brexits ist ausser katastrophaler Disruption. Nick ist immerhin Mitglied des Parlaments und weiss viel über Geschichte und die aktuelle Weltlage. Aber wenn selbst die Regierung keine Ahnung zu haben scheint, was sie tut, wird es schwierig.

Vielleicht sind sie das letzte Mal bei uns zu Gast ohne Visum, wer weiss. Oder wir müssen uns in der Schweiz auf Flüchtlingsströme aus dem ehemals Vereinigten Königreich einstellen. Da übertreibe ich jetzt nur ein wenig. Die Verunsicherung und tiefen Gräben zwischen Menschen und Parteien sind noch viel grösser, als wir wahrnehmen. Viele leben in einer Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Eine Welt, die auf Behauptungen, Aversionen und schamlosen, schon x-fach entlarvten Lügen aufgebaut ist. Dazu spült wie in vielen anderen Ländern Europas eine hässliche antisemitische Welle Dinge hervor, die überwunden schienen - auch wenn sie latent immer da waren.

Egal was die Probleme sind, am Ende sind immer die Juden schuld. Wir spazieren an einer Synagoge vorbei, Kinder spielen und lachen unbeschwert - wie lange noch? Die Stimmung in der Schweiz ist angespannter als auch schon, aber noch sind wir privilegiert. Noch funktioniert unsere Demokratie, wenn gefühlt die Hälfte der Landschäftler von einem Wahl-Plakat herunter lächelt. Auf der Reise von Porrentruy zurück nach Basel überqueren wir etwa fünfmal die Grenze zu Frankreich und merken es kaum. Kein Zöllner hält uns an. Unsere Gäste staunen. Auf der Strasse entlang der Lützel und bei Rodersdorf ist das so, seit ich mich erinnern kann.

Die Schweiz ist keine Insel, auch wenn manche sie dazu machen wollen. Ich sass kürzlich auf einem Bänkchen beim Tinguely-Brunnen und schaute mir die Menschen an, die den ersten frühlingshaften Tag genossen. So viele heitere Gesichter. Unsere Väter und Mütter haben so viel getan, das unser Leben reich macht. Nichts davon ist selbstverständlich. Wir müssen mit grossem Engagement Sorge dazu tragen. Von Zertrennung und Hass profitieren am Ende nur Putin und die anderen Diktatoren.

   

*Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.