Persönlich

Fürchtet Euch nicht

Strassenszene in der ghanaischen Hauptstadt Accra

Strassenszene in der ghanaischen Hauptstadt Accra

Die Angst vor Fremden verkennt, dass diese auch einen sozialen Bürgersinn haben.

Mein Portemonnaie ist weg. Die Langfinger waren offenbar die beiden Typen, die beim letzten Halt den aus einem ausrangierten Lieferwagen umgebauten Kleinbus hastig verlassen haben: Die zusammengepferchten übrigen Fahrgäste sind empört. Und als ich kleinlaut bemerke, ich müsse noch einen Anschlussbus nehmen, sammeln sie. Es kommt mehr zusammen, als ich für die Weiterfahrt benötige. Ablehnen geht nicht, niemand will etwas zurück.

Hier in Ghana ist die Geschichte der Sklaverei allen präsent, Accra ist am Ort einer ehemaligen Sklavenhandelsstation entstanden. Und mein Pigmentmangel weist mich aus als Vertreter jenes Europas aus, dessen Grundkapital für seinen heutigen Reichtum nicht zuletzt durch den damaligen Menschenraub in Afrika zustande kam. Es gäbe genug Gründe für Ressentiments. Stattdessen zeigt man sich spontan solidarisch mit dem beklauten Gast. Ich bin überrascht und berührt.

Afrika gilt als Lieferant schlechter Nachrichten. Dass es an der Basis auch eine zivilgesellschaftliche Selbstorganisation gibt, die dem von den Oberschichten verratenen Volk das Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht, wird ausgeblendet. Kommen nun Migranten nach Europa, ist wohl auch die Minderheit der Taschendiebe vertreten. Die Mehrheit dürfte aber einen Bürgersinn im kulturellen Gepäck haben, wie ich ihn im Bus in Accra erlebt habe. Eine prinzipielle Angst vor Asylsuchenden und Flüchtlingen ist deshalb fehl am Platz: Sie treibt vor allem den Umsatz von Sicherheitsfirmen – und damit die Kosten für das Asylwesen – unnötig in die Höhe.

Autorin

Daniel Haller

Daniel Haller

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