Herzstück

Gegen die Isolation

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«Sidewalktalks»: Das geht nie in der Schweiz. Oder etwa doch?

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Herzstück zur einer neuen Idee, die den Menschen in der Schweiz gut tun könnte.

Kürzlich besuchte mich Luca. Er meldet sich, wenn er in seine alte Heimat Basel kommt. Seit Langem arbeitet er im Ausland, jetzt ist er für zwei Jahre beruflich in New York. Ich reise nicht besonders gerne und bin anfällig für Heimweh. Das war schon immer so.

Es tut gut, Freunde zu haben, die etwas vom Duft und Denken der weiten Welt mitbringen. Besonders wenn es nicht nur Touristen sind, die hektisch von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit jetten und ihre Selfies zu den Milliarden schon geschossenen Fotos hochladen. Erkenntnisgewinn: null.

Luca hat einen aufmerksamen Blick von Aussen auf Basel und die Schweiz. Er berichtet aus seiner Perspektive, was er an mir wenig bekannten Orten erlebt. Vieles finde ich interessant, aber es ist fast immer etwas dabei, das mich länger beschäftigt.

Diesmal hörte ich zum ersten Mal von «Sidewalktalk». Ich habe schon öfters gehört und gelesen über Menschen, die Wildfremden «Hugs», Umarmungen anbieten. Kostenlos, einfach so. Aber Sidewalktalk war neu für mich. Da stehen zwei Stühle auf dem Trottoir, ein einfaches Plakat erklärt, worum es geht. Auf einem der Stühle sitzt jemand, der sich anbietet, einem zuzuhören. Kostet nichts, verpflichtet zu nichts. Auf den zweiten kann sich jemand setzen und etwas aus seinem Leben erzählen, das ihn gerade beschäftigt. Das Ganze dauert zehn Minuten, dann verabschiedet man sich freundlich und ein anderer nimmt Platz und erzählt.

Lucas Frau organisiert und lehrt Freiwillige an. Damit sie wirklich zuhören und nicht einfach ganz schnell Ratschläge verteilen. Darum geht es nicht. Sondern ums Zuhören. Der Zulauf ist enorm. Das ist zutiefst menschlich: Dass ich gesehen und gehört werden will. Damit ich nicht unansehnlich bin und meine Stimme nicht verstummt. Wie die Umarmung wichtig sein kann, damit ich nicht zu einem Unberührbaren werde. Jeder Mensch hat in sich den tiefen Wunsch, erkannt und geliebt zu werden. So, wie er ist. So, wie sie ist. Und gleichzeitig haben wir davor riesige Angst. Was, wenn die andere mich sieht, wie ich wirklich bin? Läuft sie dann davon, oder lächelt verächtlich, weil sie mich nicht aushält? Manchmal kann ich mich ja selbst nicht aushalten! Echt jetzt. Da kann eine unerwartete menschliche Begegnung Wunder bewirken. Das mag in kleinerem Masse auch mal virtuell geschehen. Ein freundlicher Kommentar auf Social Media, ein aufmerksames Mail schadet sicher nicht. Aber unsere Synapsen und neuronalen Netzwerke sind darauf ausgerichtet, mit einem menschlichen Gegenüber in Kontakt zu treten. Oft ist dieses Bedürfnis zugedeckt von Misstrauen und Angst vor den anderen. Auch das steckt tief in unseren Genen. Ein Fremder kann mir übel wollen. Welche Erleichterung, wenn der/die Fremde den Graben überwindet und mich freundlich anlächelt.

Sogar an Einladungen und an Netzwerkapéros fällt mir auf: Wie viele Menschen darauf warten, dass man sie anspricht. Vielleicht biete ich das mal an: Sidewalktalk. Das geht NIE in der Schweiz, sagt jemand. Geht doch, sage ich. Und nötig ist es. Gerade in der Schweiz.

*Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

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