Es ist die Zeit von Wimbledon und Tour de France. Beide Anlässe gehören für mich zu dem, was den Juli ausmacht. Sie sind das Nonplusultra in zwei Sportarten, die schon lange eine starke Faszination auf mich ausüben. Wobei diejenige für den Radsport beträchtlich gemindert wurde, seit man allgemein weiss, in welcher Weise das Doping von dieser Sportart Besitz ergriffen hat.

Doch wenn die Tour die Alpen überquert, auf Passstrassen, die ich selbst schon auf zwei Rädern bezwungen habe, werde ich unweigerlich an jenes tiefe Empfinden erinnert, das solche Passfahrten begleitet: ein durch den eigenen Effort unendlich intensivierter Landschaftseindruck. Aus dem tiefen, dunklen Wald erhebt man sich irgendwann über die Waldgrenze und erreicht schliesslich die Region von Fels und Eis. Ein überwältigendes Panorama tut sich auf – als verdienter Lohn für die eigene Leistung, wie es einem scheinen will.

Früher faszinierte mich am Radsport auch der Wettkampf. Obwohl es hier Mannschaften gibt, kommt es immer wieder auch zu grossen Duellen, wo zwei Captains im Gebirge oder in der Prüfung gegen die Uhr ganz auf sich allein gestellt sind, um sich aneinander zu messen. Im Jahr 1989 wechselte das Leader-Trikot mehrfach zwischen dem Amerikaner Greg Lemond und dem Franzosen Laurent Fignon hin und her. Am Ende in Paris, nach drei Wochen, entschieden lächerliche acht Sekunden zugunsten des Amerikaners.

Ein fairer Wettkampf scheint heute im Radsport nicht mehr gegeben. Viel eher im Tennis. Wenn es auch hier Doping geben mag, so zeigen die Besten doch Qualitäten, die sich nicht mit Medikamenten herbeizaubern lassen. Doch was verstehen wir denn unter einem «fairen» Wettkampf? Alle sollen gleichlange Spiesse haben. Doch was heisst das? Zweifellos ist diese Erwartung verletzt, wenn wir erfahren, dass der Sieger ein Präparat genommen hat, das ihn stärker und ausdauernder gemacht hat.

Doch weshalb verstösst die ganz offene, permanente Suche nach einem Materialvorteil weniger dagegen? Lemond errang seinen knappen Sieg über Fignon dank Einsatz eines Triathlonlenkers im letzten Einzelzeitfahren. Der war nicht verboten, sein Gegner hätte auch einen benutzen können, heisst es. Selber schuld! Aber waren die Spiesse gleich lang?

Doch sind sie jemals gleich lang? Die körperlichen Voraussetzungen sind immer verschieden, Talent ist ungleich verteilt. Unfair? Denken wir uns einen Moment, man könnte all dies ausgleichen – damit nun alle wirklich gleich lange Spiesse hätten. Was würde dann über den Ausgang des Wettkampfs entscheiden? Es bliebe einzig der Zufall übrig. Das kann es auch nicht sein.

Was wollen wir also? Fairer Sport ist am ehesten gegeben, wenn grundsätzlich offenbleibt, ob der kleine, leichte Bergfahrer oder der athletische Einzelzeitfahrer, der Meister der Konzentration oder der elegante Künstler, der Fintenreiche oder der Solid-Ausdauernde sich am Ende durchsetzt.

Und wenn es wirklich diese Qualitäten sind, die den Ausschlag geben, und nicht ein Vorteil von Medizin oder Material. Wenn also, anders gesagt, erst der Wettkampf zeigt, welcher der durchaus ungleichen Spiesse der längere ist.