Ich habe mich daran gewöhnt. Wenn ich jemanden neu kennenlerne und ihm erzähle, was ich beruflich mache, kann sich das Gegenüber oft nicht vorstellen, was ein Kirchenmann alles tut oder nicht tut. Manchmal kommt es zu ernsthaft-interessiertem Nachfragen und zum längeren Gespräch über Gott, Kirchenerfahrungen und die Welt; manchmal ernte ich bloss einen mitleidig-verlegenen Blick und sofortigen Themenwechsel.

In der Kirche arbeiten unterschiedliche Berufsleute: Handwerker, Akademikerinnen, Künstler. Neben Pfarrpersonen Sekretariatsangestellte, diakonische Mitarbeitende, Sigriste und Abwarte, Religionslehrerinnen, Musikerinnen und Musiker, oft als Teilzeitangestellte.

Ab und zu bekomme ich zu hören, dass Arbeiten in der Kirche ein Privileg sein müsse, weil da wohl nicht unerbittliche Gesetze der Wirtschaft und modernes Personalrecht, sondern christliche Barmherzigkeit und Güte als Massstab dienen. Dass es da weniger auf Qualifikation und Leistung ankomme als auf die richtige innere Haltung. Dass die Kirche dazu da sei, Menschen, die es «draussen» nicht schaffen, bei sich eine berufliche Heimat zu bieten.

Dem ist nicht so. Kirchen und Kirchgemeinden leiden heute unter Spardruck und Effizienzsteigerungszwang wie weltliche Unternehmen. Auch der Pfarrberuf gehört zu den energiefressenden und burnout-gefährdeten Professionen. In früheren Jahrhunderten haben das überragende Amt und dessen öffentliche Anerkennung uns Amtsinhaber getragen und geschützt. Auch schwächelnde und kränkelnde, oder unwirsche Persönlichkeiten konnten ein ganzes Berufsleben in diesem schützenden Mantel verbringen – und wurden von der Gemeinde mangels besseren Wissens und Alternativen ausgehalten. Im 21. Jahrhundert ist das anders: A-priori-Autoritäten gibt es nicht mehr. Das Amt – egal ob Lehrerin, Pfarrer, Arzt oder Gemeindepräsidentin – wird allein durch die qualifizierte, gesunde und engagierte Persönlichkeit der Betreffenden gefüllt und definiert – und steht (OMG Oh my God) unter andauernder, öffentlicher Begutachtung.

Eine besondere Herausforderung ist der uns abgeforderte hohe Grad an Selbstorganisationsfähigkeit und Eigeninitiative. Das gilt auch für Sigristen, Kirchenabwarte, Sekretariatsangestellte. Man muss sich dauerhaft selbst organisieren und voranschaffen können und wollen, beinah wie ein Einmann/frauunternehmen. Eine ehrenamtliche Laien-Behörde übernimmt Arbeitgeberfunktionen so gut als möglich.

Diese flachstmögliche Hierarchie ist eine grosse Chance und ein Glück, typisch für die (reformierte) Kirche. Sie ist echt schweizerisch. Gleichzeitig eine Herausforderung – und manchmal auch Überforderung. Entsprechend wichtig ist die Förderung guten Nachwuchses, sind Wahlverfahren für Jobs in der Kirche schwierig, und ist Teambildung in grösseren Gemeinden komplex.

Kirchen sind für Gottes Bodenpersonal keine geschützten Werkstätten. Trotzdem und gerade deshalb mag ich meine Arbeit und meinen besonderen Arbeitgeber sehr.