Mit 9 Jahren habe ich gelernt, wie man Velos zu fahren hat. Wir mussten einmal pro Woche in den Verkehrsunterricht, wo ein rotwangiger Polizist uns durch eine Halle scheuchte, die aussah wie das Depot von Swiss Miniature. Statt Bottminger Schloss oder Autogrill-Raststätte Würenlos gabs bei uns nur Mini-Strassen, Mini-Schilder und Mini-Plastikbäume. Der Polizist rief beim Abbiegen «Händ use!», wir gehorchten, die Welt war simpel. Damals.

Zwanzig Jahre später rast ein E-Bike an mir vorbei, gefolgt von einem Scooter, gefolgt von einem weiteren E-Bike, gefolgt von einem normalen Fahrrad. Ich hab gerade noch Zeit, mich zu fangen, als die Frau auf dem normalen Velo vor mir abbremst, um aufs Trottoir zu gelangen. Abbremst! Auf einer Strasse! Ohne die Hand auszustrecken! Ich fühle den rotwangigen Polizist in mir aufkommen. Händ use!

Sage ich natürlich nicht. Als es zwei Tage später nochmal passiert, spreche ich den Bremser an. Er sagt, es gäbe halt einfach kein Handzeichen, wenn man abbremsen, aber nicht abbiegen will. Wo sind wir denn hier, dass man eine Regel braucht, um vernünftig zu reagieren? Gesetze vor Menschenleben oder was!?

Sage ich natürlich nicht. Dafür kommt eine Frau hinzu und sagt, sie hätte einen Vorschlag: In Skandinavien, wo sie herkomme, gäbe es nämlich nicht nur ein Handzeichen fürs Abbiegen, sondern tatsächlich auch eins fürs Abbremsen. Sie zeigt es vor. Arm hoch, Handfläche nach vorne. Wie der rotwangige Polizist damals neben dem Plastik-Stoppschild. Wir schauen einander an. Der Bremser verspricht, es in Zukunft so zu machen. Und ich, unsere Leser darüber zu unterrichten. Wenn ich schon keine rotwangige Polizistin sein kann, dann doch immerhin eine rotwangige Journalistin. Also, liebe Leser: Händ ufe!