Zwei 15-jährige Muslime in Therwil begrüssen ihre Lehrerin nicht per Handschlag. Flugs werden sie entweder als rebellierende Lausbuben oder als künftige IS-Kämpfer bezeichnet. Die Empörungsspirale dreht im roten Bereich. Die einen nerven sich darüber, dass das Thema überhaupt ein Thema ist. Die andern prophezeien dem Abendland den unmittelbar bevorstehenden Untergang. Die einen stecken den gutmeinenden Kopf in den Sand. Die andern fordern die sofortige Ausschaffung aller der christlich-schweizerischen Kultur fremden Elemente. Und alle miteinander tragen wie ein Banner ein Wort vor sich her: Integration.

Bloss, was heisst das? Das Wort ist abgenutzt und ausgehöhlt, ähnlich wie «Nachhaltigkeit» oder «Relevanz». Es bedeutet alles und nichts, steht – statt für sich – für die jeweilige Weltanschauung des Wortbenutzers. Für Laisser-faire auf der einen, für Unterwerfung auf der anderen Seite. In einer idealen Welt gäbe es den Begriff gar nicht, weil sich alle Menschen als gleichwertig betrachten würden, achtsam, rücksichts- und respektvoll miteinander umgingen. Geschlecht, Hautfarbe, sozialer Stand und Religion würden keine Rolle spielen. In einer idealen Welt würden keine religiös und ideologisch motivierten Kriege geführt und Attentate verübt. Und selbstverständlich würde niemand auf die Idee kommen, ein Händedruck könne eine sexuelle Konnotation haben.

Nur ist die Welt nicht ideal, sondern ein einziger Konfliktherd. Sozial, politisch, religiös. Also versucht man, wenigstens innerhalb seiner eigenen überschaubaren Welt für geordnete Verhältnisse zu sorgen. Zu Hause, in der Gemeinde, im Kanton, im Land. Wenn dann die Welt anklopft, steht die eigene Welt kopf. Plötzlich wird das Kulturgut Händedruck infrage gestellt. Das eigene Weltbild gerät ins Wanken. Die einen sagen sich (und der ganzen Welt), dass diese Geste völlig überschätzt, eigentlich freiwillig und sowieso hoffnungslos veraltet sei. Die andern sehen darin die vereinigten Werte des christlichen Abendlandes konzentriert, die mit allen Mitteln verteidigt werden müssen.

Gewöhnung geht nicht selten vor Grundsätzen

Natürlich ist das ein wenig überzeichnet. Denn tatsächlich zeigt die gegenwärtige Diskussion vor allem eines: eine grosse Hilflosigkeit. Weder totale Toleranz noch die schriftliche Verpflichtung auf «Werte», die sowieso mehr in Sonntagsreden hochgehalten als wirklich gelebt werden, sind zielführend. Denn beides führt zur Bildung von Parallelwelten. Im einen Fall durch fehlende Berührungspunkte, im andern Fall durch innere Emigration und womöglich Radikalisierung, weil in der neuen Heimat keinerlei Wertschätzung erfahren wird.

Der Gipfel der Hilflosigkeit ist erreicht, wenn juristische Gutachten und allfällige Richtersprüche das Dilemma auflösen sollen. Auch die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind setzt im Fall Therwil auf diese Karte. Soll doch letztlich das Bundesgericht feststellen, ob und wie das Verweigern eines Händedrucks aus religiösen Gründen sanktioniert werden kann. Wahrscheinlich ist dies aber der einzig gangbare Weg in einer zunehmend zerfahrenen Situation. Das oberste Schweizer Gericht musste bereits mehrfach eingreifen, sei es bei der Ablehnung von Kopftuchverboten, sei es bei der Pflicht für muslimische Mädchen, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Allerdings hatte sich die im Vorfeld herrschende grosse Aufregung meist schon vor dem jeweiligen Urteil gelegt. Schliesslich geht Gewöhnung nicht selten vor Grundsätzen.

Es muss zusammenfinden, was sich fremd ist

Dennoch kommt nicht automatisch alles gut, lässt man bloss die Zeit und die Gerichte entscheiden. Migration verändert die Gesellschaft. Das Zusammenleben muss neu geordnet werden. Das ist ein laufender Prozess, bei dem zusammen-finden muss, was sich fremd ist. Das müssen die Einheimischen genauso wollen wie die Zuzüger. Dieses Wollen ist einzufordern und zu fördern. Auf dass ein Händedruck seine ursprüngliche Bedeutung zurückerhält: als Symbol der Eintracht, der gleichgestellten Begrüssung.