Sonntag musste ich mich zwischen Herkunft und Gegenwart entscheiden. Gar keine Frage: Ich komme zwar aus dem hohen Norden Deutschlands, und der FC St. Pauli ist mir sympathisch, aber beim Sonntagsspiel des SC Freiburg war ich für den SC. Nach seinem 4:3-Sieg sind die Chancen, wieder in die 1. Bundesliga aufzusteigen, weiter gestiegen.

Im Stadion hat mich allerdings schon lange niemand mehr gesehen. Ob nun beim FCB oder dem SC, meinen beiden Favoriten, ich rege mich dort zu sehr auf und stehe ganz in der Tradition von Achim Stocker. Der jahrzehntelange und leider verstorbene Präsident des SC Freiburg hat die Heimspiele seines Clubs immer im Wald oder zu Hause erlebt, weil seine Nerven die Anspannung nicht mitgemachten. Über die Tore informierte er sich per SMS oder Teletext.

Dabei machte es ihm sein Club nicht leicht. 1993 stieg er das erste Mal in die 1. Bundesliga auf und flog vier Mal wieder raus. Der bevorstehende mögliche Aufstieg wäre der fünfte. Toll wäre das auch deshalb, weil der SC endlich ein neues, grösseres Stadion erhält.

Weil ich keinen Fernseher habe, verfolge ich die Bundesliga mithilfe der offiziellen Website www.bundesliga.de – super gemacht und zu jedem Spiel ein Liveticker. Die Nordvereine machen mir allerdings derzeit keine Freude. Um den FCB brauche ich mir aber zum Glück, was die Schweizer Meisterschaft betrifft, seit Jahren keine Sorgen zu machen. Meistens schont er mein Nervenkostüm, mit Ausnahme des Spiels gegen den FCZ. Den grossen Vorsprung in der Super League finde ich nicht langweilig, sondern einfach super.

Schaue ich das ganze Dreiland an, so hat das Elsass derzeit leider, was den Fussball angeht, nicht viel zu bieten. Der FC Mulhouse (FCM) dümpelt, nachdem er 1989/90 ein Jahr in der 1. Liga gespielt hat, nun in der 4. französischen Liga vor sich hin. Die Stadt hat sich früher erheblich finanziell für den Club engagiert. Ich habe damals schon gefunden, sie solle das Geld besser in die Basketball-Mannschaft stecken – der Fussball war ein Fass ohne Boden. In der 2. Liga aber hat der FCM ein Jahr nach dem Abstieg im elsässischen Derby Racing Strasbourg zwei Mal geschlagen.

Das ist lange her. Racing hat dann neun Saisons erstklassig gespielt, ehe es nach ständigen finanziellen Problemen und einem Konkurs in der 5. Liga wieder anfangen musste. Derzeit hat sich der Club, auch dank der treuen Zuschauer, wieder in die 3. Liga hochgekämpft, wo er an der Spitze steht. Das Stadion, die Meinau, ist für ganz andere Spiele ausgestattet. Der Zuschauerrekord wurde bei der Europameisterschaft 1984 mit 44'566 Besuchern erreicht.

Das neue Freiburger Stadion, das für 30 Millionen Euro neben dem kleinen Flughafen entstehen soll, wird 35'000 Zuschauer fassen und könnte 2019 fertig sein. Weil darin 10'500 mehr Plätze als im alten Schwarzwaldstadion sind, wird es für den SC wirtschaftlich einfacher, in der 1. Bundesliga zu bestehen – wenn er denn den Aufstieg schafft und sich hält.

Vielleicht traue ich mich dann doch wieder einmal ins Stadion und übe vorher beim FCB. Die Chance, einen Sieg mitzuerleben, erscheint mir dort grösser.