Philosophicum

Holy Days

Ferien sind auch immer eine übermässige Fülle an Zeit. (Symbolbild)

Ferien sind auch immer eine übermässige Fülle an Zeit. (Symbolbild)

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Ferien habe ich zum ersten Mal in der Primarschule bewusst als solche erlebt. Dies ist bezeichnend, denn die Bedeutung von Ferien als «freie Zeit» kommt ja nur dadurch zustande, dass wir den Alltag als eine von äusseren Strukturen definierte – oder schlicht gesagt: «unfreie» – Zeit verstehen.

Dieser Umstand hat mich in der Primarschule allerdings noch nicht weiter beschäftigt. Vielmehr war ich vor den grossen Sommerferien fasziniert und zugleich etwas eingeschüchtert von diesen sechs Wochen, deren Ende mir so weit weg schien, dass ich nicht ermessen konnte, wie lange sich diese Zeitspanne anfühlen würde.

Und wenn die Zeit dann um war, entstand der Eindruck, als verwandelter Mensch in die Schule zurückzukehren. In diesen sechs Wochen haben sich äussere und innere Universen entdecken und erkunden lassen und so gab es ein Vor-den-Ferien und ein Nach-den-Ferien.

Wenn ich Ferien aus heutiger Sicht wahrnehme, so vermisse ich vor allem diese Überfülle an Zeit. Die Ferien heute sind kürzer geworden und gerade deshalb ist die Versuchung gross, das Maximum aus ihnen herausholen zu wollen und die Zeit so gut wie möglich zu nutzen.

Ferien werden zu einer Wunschtüte, in die wir alles packen möchten, was sonst im Alltag zu kurz gekommen ist. Als lang ersehnte, temporäre und manchmal auch räumliche Inseln des Glücks ermöglichen Ferien das Andere im Leben oder das andere Leben.

Bei der Gestaltung der Ferien orientieren wir uns meistens gerade an dem, woran es im Alltag mangelt. So werden sie zum Spiegel unserer brachliegenden Bedürfnisse. Handle es sich um das Eintauchen in fremde Kulturen, das Erleben von Natur, Erholung und Genüsse jeglicher Art, Sport und Adventure oder auch einfach mal Zeit für Künstlerisches und Spirituelles.

Aber weil das Ende der Ferien schon an ihrem Anfang absehbar ist und wir das Bild des sich drehenden Rades der Zeit vor Augen haben, versuchen wir, dieses Rad auszutricksen, indem wir immer schon eine Umdrehung voraus sein möchten.

In der Regel nehmen wir uns umso mehr vor, je weniger Zeit wir haben. Das erscheint auch sinnvoll, denn wer nur wenig Zeit hat, tut gut daran, sie nicht auch noch zu verschwenden. Doch geht diese Rechnung wirklich auf? Oder unterwerfen wir uns damit nicht erst recht dem Diktum des vorbeifliessenden Zeitstromes?

Denn auf diese Weise kann ich in den Ferien alles erleben, nur nicht wieder dieses Gefühl des Zeit-Habens, des Verweilen-Könnens. Wer nämlich wieder einmal das Gefühl der «langen Zeit» (und im besten Sinne des Wortes «Lange Weile») erfahren möchte, der nehme sich am besten für einmal gar nichts vor. Das Rad der Zeit lässt sich nicht austricksen, indem man selber schneller dreht, sondern nur, indem man innehält.

Innehält, nicht um sich aus dem Zeitstrom herauszunehmen, sondern um sich mitten in ihn hineinzubegeben. Wie die Nabe, die das Zentrum des vorbeieilenden Rades ist, ohne jedochselber vorbeizueilen. Welch ein Paradox: Je weniger wir uns vornehmen, umso mehr können wir die Zeit gestalten. Versuchen Sie es mal: Setzen Sie sich so lange auf einen Liegestuhl, bis Sie sich die Frage stellen, die am Anfang von allen grossen Ferien steht: Was fange ich denn jetzt mit mir an?

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