Angesichts der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) und «Robotic-Revolution» ist allen klar: Da zieht etwas herauf, worauf wir uns nicht früh genug einstellen können. So einstimmig die Diagnose, so unterschiedlich die Stimmlage der damit verbundenen Prognose. Forciertes accelerando bei den Digitaloptimisten: «Die KI ist eine disruptive Innovation, die ein goldenes Zeitalter des Fortschritts einläutet!» Verzagtes ritardando bei den Digitalpessimisten: «Was bleibt für die Menschen? Wofür braucht es uns auch noch?»

Diese Haltungen sind verständlich – und zugleich ärgern sie mich. Denn die Pro-kontra-Positionen gehen stillschweigend von einer Voraussetzung aus, die wir kritisch beleuchten müssten. Es handelt sich um die Annahme, Roboter würden das, was Menschen tun (denken, entscheiden, handeln), auch tun, nur eben schneller, effizienter, produktiver. Und ehe wir uns versehen, sind wir einer Suggestion erlegen: Wir haben algorithmische Systeme «vermenschlicht», anthropomorphisiert. Während unsere Vorfahren hinter Naturverläufen das Wirken von seelischen Mächten suchten, machen wir heute digitale und neuronale Abläufe und Vorgänge zu «Subjekten», die denken, entscheiden und handeln. Der Gespensteraberglaube von gestern kehrt wieder, nur dass sich der digitale Neoanimismus heute als Weltsicht von morgen verkauft.

Um nicht missverstanden zu werden: Es braucht viel Intelligenz, Algorithmen zu entwickeln, die eine intellektuelle Leistung nachbilden und intelligentes Verhalten automatisieren. Es braucht aber nicht minder viel Intelligenz, die Suggestion zu durchschauen, ein Algorithmus wäre die intellektuelle Leistung, die er nachbildet, oder die Automatisierung intelligenten Verhaltens wäre intelligentes Verhalten. Denken, entscheiden, handeln: All diese Begriffe setzen bewusste Intelligenz und bewusstseinsfähige Personen voraus und werden schlichtweg gegenstandslos, wenn wir sie auf Apparaturen anwenden, die von nicht-bewussten Algorithmen gesteuert werden. Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen: Was sind das für Dinge, die ihren ganzen «Witz» verlieren, wenn wir sie vom Bewusstsein entkoppeln? Es geht dabei wirklich um fast alles.

Dass wir Menschen auf Roboter reagieren, als verfügten sie über menschliche Eigenschaften, ist allerdings nicht verwunderlich. Schliesslich sind wir ja auch ein bisschen Roboter – so wie wir auch ein bisschen Poesie oder Flugzeug sind. Es handelt sich ja um Werke und Erfindungen, die unserem Geist entspringen. Und Menschen hatten schon immer die Neigung, ihre «Erfindungen» zu vermenschlichen und sich selbst nach Massgabe ihrer neusten technologischen Entwicklungen zu deuten – und das sind heute die Algorithmen.

Gefährlich wird es allerdings, wenn die Menschen ihren eigenen Erfindungen auf den Leim gehen und sich am Ende mit Robotern verwechseln. Diese Dummheit wiederum ist das zwiespältige Vorrecht von Menschen und nicht von Robotern. Von Robotern, die sich mit Menschen verwechseln, hat man jedenfalls noch nicht gehört. Dies setzte ja voraus, dass Roboter wissen könnten, dass sie Roboter und keine Menschen sind. Aber die Ironie ist: Roboter, die wüssten, dass sie Roboter und keine Menschen sind, wären eben hierin den Menschen ähnlich geworden – jedenfalls solange noch Menschen da sind, die wissen, dass sie nicht nur Roboter sind.