Kürzlich fragte mich ein Kollege, was ich zum Burkaverbot meine. Ich dachte kurz nach und stellte fest, dass ich darüber keine Meinung habe, was ich dem Kollegen auch mitteilte. «Man kann es sich aber auch zu leicht machen», meinte er etwas säuerlich. Am liebsten hätte ich darauf geantwortet: Du sagst es! Vielleicht habe ich keine Meinung zum Burkaverbot, weil ich es mir gerade nicht leicht machen möchte. Aber keine Meinung zu haben, ist offenbar weniger wert als irgendeine Meinung zu haben. Man hält sich an das Motto: Keine Meinung ist so schlecht wie keine Meinung.

Oh schöne neue Welt der Meinungsfreiheit! Kein Hotel, keine Schule, wo nicht irgendwo Fragebögen aufliegen, die sich nach meiner Meinung (über das Hotel, die Schule) erkundigen. Meine Meinung ist gefragt! Ich bin wichtig! Deshalb schreibe ich jetzt gerade eine Kolumne. Damit Sie meine Meinung über die Meinung erfahren. Und ich habe von ihr keine allzu grosse. An allen Ecken und Enden sitzt irgendeine Meinung, einmal selbstsicher und vom Meinungsfett so träge geworden, dass sie sich förmlich auf sich selber zur Ruhe setzt. Und dann wieder eine Meinung so dünn und dünnhäutig und schmallippig, dass sie sich nur durch den Frust über ihre eigene Bedeutungslosigkeit am Leben erhält.

Sprachpolizeiliche Allüren sind mir zuwider. Aber es gibt ein Wort, das ich gerne zur Fahndung ausschreiben würde: «Meinungsmacher» oder «Meinungsbildung». Statt Meinungsbildung könnte man auch sagen: Vorurteilsmassage. Oder Klischeesanierung. Oder Irritationsabwehr. Überall wird gemeint und gegengemeint. Pro-Contra-Diskussionen sind nur eine Würzbeilage für die Meinungsbrei-Häppchen.

Diese ganze Meinerei hängt mir zum Hals heraus. «Ich bin nicht immer meiner Meinung», sagt Paul Valéry. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Distanz zur eigenen Meinung. Aber es geht um mehr: Ich muss lernen, mich von blossen Meinungen zu befreien. Bildung ist also gerade nicht Meinungsbildung, sondern Entmeinungsbildung, Denken ist wesentlich Umdenken, Änderung der Weltsicht, Umwendung.

Es kann auch nicht um blosse Meinungsvielfalt gehen, sondern um begründete Überzeugungen, dass ein Sachverhalt besteht oder bestehen soll. Ich plädiere für einen erweiterten Begriff der Meinungsfreiheit: Meinungsfreiheit nicht nur als äussere Freiheit der Meinungsäusserung, sondern als innere Freiheit, sich von Meinungen zu lösen, sich ent-täuschen zu lassen und die Blickrichtung zu ändern. Aber statt uns nicht länger mit unseren Meinungen – und vor allem auch mit unseren Meinungen über uns selbst – zu behelligen, machen wir weiter wie eh und je und kommentieren und evaluieren uns zu Tode. Die Umweltbelastung durch unsere Meinungsemissionen ist der Grund, weshalb wir uns so gerne unter Menschen bewegen, die keine Meinung über uns haben.

Ziel kann aber nicht sein, keine Meinungen, sondern mehr als nur Meinungen zu haben. Dann kann ich auch mich und den Anderen meinen und ernstnehmen – als denkende und mitdenkende Menschen. In jeder Begegnung können wir uns fragen: Meinen Sie wirklich mich – oder möchten Sie lieber mit Ihrer Meinung über mich allein sein?