Innensicht

Ich bin völlig fasziniert von Autos

«Je stärker und stinkender, desto besser» sagt der 24-jährige wenns um Autos geht.

«Je stärker und stinkender, desto besser» sagt der 24-jährige wenns um Autos geht.

«Innensicht» wird betreut vom «Verband der PsychotherapeutInnen beider Basel». Stellen Sie Ihre Fragen an innensicht@bzbasel.ch.

Schon als Junge war ich von Autos fasziniert. Nun helfe ich (24 J.) neben meinem eigentlichen Beruf als Kaufmann in einer Garage mit, und das gefällt mir, und wie! Ich wundere mich immer mehr über mich: Ich fahre völlig auf imposante, kraftvolle Flitzer ab, je stärker und stinkender, desto besser – und frage mich langsam, ob ich da spinne.

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Viele, vor allem junge Männer haben eine ähnliche Begeisterung wie Sie. Was Sie von anderen unterscheidet, ist, dass Sie sich dazu Fragen stellen. Das finde ich beeindruckend und nehme Ihre Frage zum Anlass, mir ein paar Gedanken zum Thema zu machen.

Eine Frage ist, wie man von anderen gesehen werden will, wie man sich nach aussen selbst definiert, wie man seine Selbstsicherheit stärken kann. Das Auto fährt quasi selbst, aber erst, wenn es (bislang noch) einen Lenker hat. Es erweitert unseren Bewegungsradius, steht also auch für (Bewegungs-)Freiheit. Es dient neben dem Nutzaspekt auch als Statussymbol, soll Aufmerksamkeit auf sich und den Fahrer lenken: Je teurer und auffallender der Wagen, desto wichtiger der Besitzer. Denn der hat’s (zum Beispiel Erfolg)! Wer reich ist, zeigt mit seinem Wagen seinen gesellschaftlichen Status. Weniger Begüterte, die sich in so einem Gefährt zeigen, möchten vielleicht etwas vorgeben, möchten auch dazugehören. Ein schnittiger, röhrender Sportwagen, der jede Kurve meistert, steht auch für Kraft und Potenz, vermittelt Lust am Fahren, hat also eine erotische Komponente. So ein Auto hat schon vom Klang her etwas Aggressives, ein «Hoppla-jetzt-komm-ich», das auffordert, Platz zu machen. Da steckt auch etwas auf einen selbst Hinweisendes, Selbstverliebtes drin, und das ist attraktiv – für beide Geschlechter. Früher war die Kutsche Symbol für die gehobene Schicht, heute hat jeder seine Kutsche. Der Unterschied liegt im Luxus, der über den Nutzen hinausgeht. Neben dem Offensichtlichen (teuer, Luxusklasse, schneller als die Masse) gibt es also noch eine Tiefendimension, die sich nicht auf Anhieb erschliesst.

Was hat dies nun aber mit Ihnen zu tun? Ein Aspekt könnte sein, dass Ihre Leidenschaft etwas out ist, im Widerspruch zum wachsenden Umweltbewusstsein vieler Leute steht – oder auch Ihrem eigenen. Da sehe ich tatsächlich ein Dilemma, das Sie wohl nur lösen können, indem Sie sich bescheiden oder nach Alternativen suchen. Aus Ihrer Frage meine ich aber auch eine Unsicherheit herauszuhören: Obwohl Sie Ihre Begeisterung mit vielen anderen teilen, wird doch ein Selbstzweifel spürbar. Ihre Faszination ist wohl auch ganz eng mit dem Wunsch verbunden, ein derartiges Gefährt selber zu besitzen, zu fahren und sich damit zu zeigen. Wo ein Wunsch ist, ist auch ein diesbezügliches Defizit. Möchten Sie vielleicht mit der Erfüllung eines derartigen Wunsches ein gefühltes Defizit kompensieren?

Wenn wir uns die oben erwähnte Symbolik vergegenwärtigen, und falls sie auch in Ihrem Wunsch steckt, dann könnte das bedeuten, dass Sie mit ihrem gesellschaftlichen Status unzufrieden sind und sich nach positiver Beachtung sehnen; dass Sie sich wünschen, frei, kraft- und machtvoll zu sein. Ein legitimer Wunsch! Doch, erlauben Sie mir die Frage: Sind Sie eventuell mit sich selbst unzufrieden? Besteht vielleicht ein Selbstwertproblem, oder haben Sie ein sexuelles Problem, das Ihnen Kummer macht? Wenn ja, würde ich Ihnen empfehlen, über die Bücher zu gehen, eventuell auch jemanden zu suchen, der Sie in einer vertieften Reflexion unterstützen kann.

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