Ich fahre Motorrad. So, jetzt ist es draussen. Das Bekenntnis und das CO2.

Früher habe ich mich nur fremdgeschämt. Für die Kindsköpfe auf ihren Höllenmaschinen, die wie gesengte Sauen durch die Kurven rotzen und mich alten Gemütsfahrer auf meiner leisen BMW beim Überholen so erschrecken, dass ich ihnen wüst hinterher schimpfend einen lehrreichen Abflug in einen nassen Acker hinaus wünsche. Aber heute schäme ich mich auch für mich selber. Für CO2, für Pneuabrieb, für alles. Gäbe es für meine Fahrscham eine Selbsthilfegruppe, ich würde nicht mal mit dem Töff hin. Ich verdiene mein Leiden.

Ich sollte den Töff verkaufen. Aber ich kann nicht. Es geht einfach nicht. Schlimm für einen, der grün tickt. Aber das sieht mir ja niemand an, wenn ich den Töffhelm auf habe. Und wenn ich ihn absetze, dann sage ich nicht, «hoi mitenand, ich bin ein Grüner». Wenn das einer neben mir täte, dann dächte ich mir, dass er von seiner letzten Bruchlandung im Acker wohl einen Dachschaden davongetragen hat. Das dächte ich, obwohl ich ihn gar nicht kenne.

Vielleicht tickt er ja ebenfalls grün. Vielleicht hat er 2007 seine Badeferien eingestellt. Hat in fünfzig Lebensjahren nie eine Kreuzfahrt gemacht und einen einzigen Städteflug, zur silbernen Hochzeit. Fliegt privat nur alle paar Jahre, und auch nur zu Verwandten. Hat für die Öko-Variante seines Autos 8000 Franken mehr hingeblättert als für dasselbe Modell mit Säufermotor und macht die meisten Kilometer mit dem Zug. Vielleicht nervt er Frau und Töchter in puncto Einkauf, Ernährung, Ökostrom und Hilfswerke als Streber und kompensiert bei myclimate.org jährlich 6000 Töffkilometer, obwohl er nicht mal auf 3000 Kilometer kommt. Aber das sehe ich ihm ja nicht an. Ich sehe in ihm nur den Sünder in mir.

Schon mein Vater fuhr gerne Töff. Es ist also eine Erbsünde. Und meine älteste Tochter sitzt auf dem Sozius und schmettert Leonard Cohens Halleluja in die Schweiz hinaus. Seen, Berge, zusammen sein. Kaffee mit meiner Landkarte. Meine Frau mit herzig zusammengedrückten Pfuusbäggli im Helm. Eine Stunde Fahrt, eine Woche Erholungswert. Es gibt uns so viel. Letzthin las ich von einer Psychologin, die auf dem Sterbebett sagte, sie bereue es, nicht öfter gesündigt zu haben. Kann mir nicht passieren. Ich sündige und bereue zu Lebzeiten. Das ist zwar etwas kompliziert, aber es hält einen dafür wach: Der Sünder in mir erinnert den Idealisten in mir nämlich daran, dass im Sünder vis-à-vis womöglich auch ein Idealist steckt. Einfach verkappt. Oder eher behelmt.

Vor allem aber zwiespältig wie ein Mensch.