«Gutes Spiel! Im nächsten Turnier reisst ihr was!», sagt der polnische Fan einem Schweizer, der an ihm vorbeizieht. Die beiden klatschen ab, wechseln zwei, drei Worte, und dann geht jeder seiner Wege. Der eine schaut sich weiter die Abendspiele an, der andere hat wohl keine Lust mehr auf Fussball. Eben ist die Schweiz gegen Polen ausgeschieden. Völlig unnötig. Und auch wenn wir uns einen anderen Ausgang gewünscht hätten, überwog noch einige Zeit die Freude, überhaupt dabei gewesen zu sein. Zehn Minuten vor Anpfiff konnten wir einem Deutschen noch seine Tickets abkaufen. Damit werden wir in diesem Monat zehn Spiele sehen, nicht «nur» neun. Und dank dieser Fügung konnten wir auch noch unsere Schweizer sehen.

Wären wir nicht ins Stadion gekommen, hätte es sich dennoch gelohnt, einen Umweg über Saint-Etienne zu machen. Die Schweizer machten vor dem Spiel Stimmung in der Stadt, auch wenn sie in der Unterzahl waren. Die Ausgelassenheit wich am Abend natürlich der Enttäuschung. Aber verstecken wollte sich niemand. Niemand schämte sich für sein Team. Auch Stunden nach Abpfiff war immer wieder ein «Hopp Schwiiz» oder hier und da auch ein «Oh Embolo, oh Embolo» zu vernehmen.

Die polnische Party – sie störte nicht. Ein friedliches Miteinander. In der ganzen Stadt ertönte polnische Volksmusik, es wurde getanzt, gefeiert und Schweizer getröstet. Immer wieder wurde ich wegen meines Schweiz-Trikots von polnischen Fans mit einem «Allez Suisse» begrüsst oder bekam einen Daumen hoch zu sehen.

Anders mein Bruder: Seit seinem Trikottausch mit einem Belgier in Lyon ist er erfolglos auf der Suche nach einem neuen Nati-Dress. Doch die Suche gestaltet sich in Frankreich schwer. In den grossen Sportgeschäften Marseilles, Montpelliers, Lyons oder Bordeauxs wird alles verkauft, nur kein Shirt der Schweizer Nati. Iren, Polen, Slowaken oder Österreicher, sie alle wären fündig geworden. Oder Menschen wie ich, die sich kurzerhand noch ein Shirt der schwedischen Nationalmannschaft kaufen wollten und es geschafft haben. Nur mein Bruder ist noch immer auf der Suche. Vielleicht wird er in Paris fündig. In unserer neunten Stadt dürfte die Auswahl noch etwas grösser sein. Aber dann braucht er kein Dress mehr der Nati. Zumindest nicht auf dieser Reise. Der Schweizer National-Stolz wird nun wohl ohnehin ganz dem Tennis zugewandt. Heute beginnt Wimbledon. Und wie sagte der polnische Fan zum vorbeiziehenden Schweizer so schön? «Ihr habt ja wenigstens Roger Federer!»