Schon lange läuft im Hirzbrunnen-Quartier das Leben im Tempo 30. Hier heisst der Coop noch Konsi und in der Migros grüssen sich die Leute. Denn sie wissen gegenseitig von ihren Ferien. Alles ist überschaubar, alles hat die richtige Grösse. Eine Biblio-, eine Apo-, und abends keine Theke. Eine Bar braucht dieses Quartier nicht, nach 23 Uhr findet das Leben hier höchstens noch im Fernseher statt, dessen Schein da und dort durch die Rollläden flimmert. 

Hier aufzuwachsen, das war super. Kreidezeichnungen auf dem Trottoir zeugten einst davon, welche Strassen sich fest in Kinderhand befanden. Im Sommer lösten sich die Strassen mit Festen ab, eine nach der anderen wurde zur Auto-Sperrzone. Die Nachbarn lernten sich so gut kennen, dass sie ihre Kinder in die gleiche Pfadi und den selben Sportverein schickten. Sie wagten sogar gegenseitig ein Gloggeziigli, wenn sie den jeweils anderen in der Quartierzeitung «Quart» entdeckten. 

In der Pfadi und im Handball traf ich die gleichen Gesichter wie im Kindsgi, später in der Primar und in der OS, einige davon sogar noch im Gymnasium. Auch der Schulweg blieb während zwölf Jahren der gleiche, nur das Fortbewegungsmittel veränderte sich mit jedem Schulhaus-Wechsel. 

Inzwischen hat das Quartier ein anderes Gesicht, bin ich mir sicher. Eigentlich hat es sich nur den normalen Bevölkerungsentwicklungen angepasst. Den dörflichen Lebensstil der Hirzbrünneler hat das noch verstärkt. An Sommersamstagen riecht es nach frisch gemähtem Rasen und rauchendem Grill. An Wintersamstagen werden die Skiträger beladen und die blauen Zonen geleert. Am Vogel Gryff hängen überall die Fahnen der drei Ehrengesellschaften.

Das Hirzbrunnen ist perfekt gelegen. Wer hier an den Claraplatz fährt, der sagt: «Ich gehe in die Stadt.» Die Gleise der Deutschen Bahn bieten Schutz vor dem sich verändernden Basel. Das in die Höhe schiesst, sich verdichtet und transformiert. Die Wiesen entlang der Pulsader Bäumlihofstrasse wiederum sind eine grüne Grenze zum grossen grünen Dorf. Riehen, das will das Hirzbrunnen nicht sein. Basel ist es eigentlich auch nicht. Am meisten Sinn ergäbe wohl eine Partnerschaft mit dem Bruderholz. Das allerdings würde vom Charakter nicht passen. Das Hirzbrunnen ist kein Ort für Geprahle. Das Hirzbrunnen ist das Quartier gewordene Reiheneinfamilienhaus. Auch das hat sich dieser Stadtteil bewahren können, wie auch ein völlig unproblematisches Nebeneinander von Alt und Jung, von Ausländern und Schweizern, von Expats und Alteingesessenen.

Ich möchte nicht mehr zurück ins Hirzbrunnen, das so treffend den Namen «Im Heimatland» in seiner Mitte führt. Aber ich wünsche jedem, dort aufgewachsen zu sein. Benjamin Rosch