«Seit einigen Monaten habe ich Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine und das Gehen macht mir Mühe. Ausserdem sagt mir meine Frau, dass ich leicht gebeugt laufe. Eine Sportverletzung oder einen Unfall kann ich ausschliessen. Woran liegt es, dass ich im Alter von 60 Jahren plötzlich solche Beschwerden habe?»

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Fast alle sind einmal im Leben von Rückenschmerzen betroffen. Meist verschwinden die Beschwerden nach ein paar Wochen wieder. Nehmen die Beschwerden zu, sollten Sie ihren Hausarzt konsultieren, um die Ursache abzuklären. In über 80 Prozent der Fälle gehen die Beschwerden auf Abnützungserscheinungen der Bandscheiben und der kleinen Wirbelgelenke zurück. Diese sogenannten degenerativen Veränderungen sind grundsätzlich normale Alterserscheinungen. Solange keine Symptome auftreten, sind sie nicht von Bedeutung und benötigen keiner Abklärung oder Therapie. Die geschilderten Symptome mit Rücken- und Beinschmerzen und Mühe beim Gehen deuten auf die sogenannte «Schaufensterkrankheit» hin, bei der die Beine müde werden und man nur noch von einem Schaufenster zum nächsten gehen kann. Wenn man sich hinsetzt, verschwinden die Symptome sofort. Im Sitzen und Liegen ist man typischerweise beschwerdefrei. Ursächlich ist meistens eine abnutzungsbedingte Verengung des Wirbelkanals, auch Spinalkanalstenose genannt. Die Nervenwurzeln, die durch den Spinalkanal verlaufen, werden an dieser engen Stelle zusammengedrückt, was die Symptome hervorruft. Die leicht gebeugte Haltung beim Gehen ist ebenfalls typisch, da sich der Spinalkanal erweitert, wenn man sich nach vorne beugt, und die Beschwerden somit abnehmen. Stellt Ihr Arzt diese Symptome fest, wird er nach einer eingehenden körperlichen Untersuchung zur weiteren Abklärung eine Magnetresonanz-Tomografie veranlassen. Die strahlenfreie Untersuchung zeigt den genauen Ort und das Ausmass der Verengung und kann andere seltene Ursachen ausschliessen.

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«Was habe ich für Möglichkeiten, die Beschwerden loszuwerden? Besteht Hoffnung auf Heilung?»

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Die Spinalkanalstenose ist wie erwähnt die Folge von degenerativen Veränderungen der Bandscheiben und der kleinen Wirbelgelenke. Aktuell gibt es noch keine Möglichkeit, diesen Vorgang zu stoppen oder rückgängig zu machen. Die Verengung geht also nicht weg, sondern nimmt allmählich weiter zu. Die Therapie richtet sich nach dem Ausmass der Schmerzen und der Einschränkungen im Alltag. Sind die Beschwerden moderat und noch nicht sehr lange bestehend, kommen physiotherapeutische Massnahmen und Verhaltensregeln sowie bei Bedarf einfache Schmerzmittel zur Anwendung. Bei stärkeren Beschwerden zeigen Kortisonspritzen in den Spinalkanal oft eine sehr gute Wirkung. Dabei handelt es sich um eine rein symptomatische Therapie, deren Wirkung in der Regel nach zwei bis drei Monaten wieder nachlässt. Nehmen die Beschwerden weiter zu und/oder treten neurologische Störungen auf, kann ein chirurgischer Eingriff in Betracht gezogen werden. Mit der Operation wird die enge Stelle und damit die Ursache der Beschwerden beseitigt. Dies ist heute ein wenig invasiver Standardeingriff mit minimalsten Risiken und, wie die Praxis zeigt, sehr guten Ergebnissen.

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«Gibt es Symptome, die eine notfallmässige Behandlung erfordern?»

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Bei Wirbelsäulenleiden besteht immer die Angst vor Störungen der Nervenfunktion. Diese treten zum Glück bei der Spinalkanalstenose sehr selten auf. Meist führen die Schmerzen und die Einschränkungen beim Gehen den Patienten zum Arzt. Bei neuen, anhaltenden Gefühlsstörungen in den Beinen oder im Schritt-/Dammbereich, Lähmungserscheinungen und besonders bei Störungen der Schliessmuskelfunktion sollten Sie sich notfallmässig beim Arzt vorstellen.

 

*Chefarzt Spinale Chirurgie und Leiter Wirbelsäulenzentrum am Universitätsspital
Basel