Wochenkommentar

Immissionen des Flugverkehrs: Der Lärm des Wohlstands

David Sieber
..

Schon eine Lautstärke von 40 Dezibel soll gemäss einer Studie der Universitäten Basel und Zürich, des Bundesamtes für Gesundheit und der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (bz vom Mittwoch) ausreichen, um das Risiko für Herzinfarkte signifikant zu erhöhen. 40 Dezibel? Das entspricht leiser Musik oder einem Flüstern. Bis anhin ging die Wissenschaft davon aus, dass es schon 50 Dezibel sein müssen, um das Gesundheitsrisiko zu erhöhen. 50 Dezibel? Das entspricht gemäss Fachleuten den «üblichen Geräuschen in einer Wohnung». Man kann sich als Laie nur schwer vorstellen, weshalb man deswegen krank werden soll. Doch man wohnt ja auch nicht neben einer Eisenbahnstrecke, einer Hauptstrasse oder unter einer Flugschneise. Wenn nie Ruhe ist, kommt man nicht zur Ruhe. Und das ist ganz sicher nicht gesund. Vor allem nicht nachts.

In Zürich fliegen die Jets vor dem Schlafzimmer durch

Auftrieb gibt die Studie den Fluglärmgeplagten beider Basel. Sie, die vom Euroairport und eigentlich auch von der Politik nicht gehört werden, egal, wie laut sie protestieren. Der binationale Flughafen auf französischem Staatsgebiet ist zu wichtig für die Region, als dass er auf Forderungen nach einer Verlängerung der Nachtflugsperre eingehen würde. Die Frage ist natürlich schon, was zwei Stunden mehr (relative) Ruhe bringen (von 23 bis 6 Uhr, anstatt wie heute von 24 bis 5 Uhr). Den Rest des Tages donnern die Maschinen mit 70 Dezibel laut wie Staubsauger trotzdem über die Hausdächer. Maschinen, die auch von jenen zu einem Städte-, Ferien- oder Businesstrip genutzt werden (sowie die chilenischen Spargeln, die eingeflogen werden), die unter diesen Hausdächern wohnen. Immerhin ist es hier nicht so arg wie in Zürich, wo die Flugzeuge in manchen Gemeinden praktisch vor dem Schlafzimmer durchfliegen. Aber ein Trost ist das für die Betroffenen unter anderem in Allschwil, Binningen und dem Neubad-Quartier nicht.

Die Baselbieter Regierung
verabschiedet sich

Das Problem am Problem ist, dass es sich zwar gut bewirtschaften, aber kaum lösen lässt. Es gibt eine interkantonale parlamentarische Fluglärmkommission. Doch diese fällt bloss durch Leisetreterei auf. Es gibt einen Euroairport-Verwaltungsrat, in dem vom Volk gewählte Regierungsräte sitzen. Allerdings bald keine mehr aus Baselland. Weil Baudirektorin Sabine Pegoraro ihren Sitz für einen Beamten räumt: für Standortförderer Thomas Kübler. Es sind dies gleich zwei Signale, die den Schutzverband aufhorchen lassen muss: Die Baselbieter Politik verabschiedet sich vom Flughafen und damit von der Lärmproblematik. Und der nachrückende Kübler ist dazu da, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen zu verbessern, nicht die Lebensqualität der Einwohnerinnen und Einwohner. Basel-Stadt entsendet zwar mit Elisabeth Ackermann und Christoph Brutschin weiterhin zwei Magistratspersonen in den Verwaltungsrat. Die beiden werden sich aber hüten, irgendetwas zu unternehmen, das zum Beispiel den Grosskonzernen nicht zupasskommt.

Und der Euroairport
schweigt still

Es wird noch seltsamer. Der Euroairport hat 2009 eine Studie über die wirtschaftlichen Folgen einer verlängerten Nachtflugsperre erstellen lassen, die Resultate aber nie offensiv publiziert (Seite 31). Fazit der Untersuchung: Betroffen wären vor allem Frachtflüge, ausgeführt ausgerechnet von jenen Maschinen, die am lautesten dröhnen. Eine Nachführung der Studie gab es nie, obwohl die Flugbewegungen in der Zwischenzeit massiv zugenommen haben. 96 000 waren es 2016; knapp 75 000 im Jahr 2009. Es ist nicht so, dass die Flughafenverantwortlichen sich um die Ruhebedürfnisse der Bevölkerung völlig foutieren. Eine auf April dieses Jahres eingeführte Gebührenerhöhung für Flüge in den sogenannten «sensiblen Randzeiten» wird jedenfalls als Massnahme zur Begrenzung der Lärmimmissionen verkauft. Ein Schelm, wer denkt, es gehe vorab um Mehreinnahmen.

Strassen- und Schienenverkehr sind gesundheitsgefährdender

Während der Kampf gegen den Fluglärm ein Dauerbrenner ist, bleibt es um den lauten Strassenverkehr ziemlich ruhig. Dabei stuft die eingangs zitierte Studie die von Autos verursachte Geräuschkulisse als noch gesundheitsgefährdender ein. Auch Eisenbahn und Tram tun nicht gut, wenn man in Schienennähe lebt. Eigentlich müssten sich nun Schutzverbände zuhauf bilden. Was jedoch nicht geschehen wird. Denn noch mehr als aufs
Flugzeug sind wir alle auf ein dichtes und funktionierendes Verkehrsnetz
angewiesen. Und das lärmt, allen Schallschutzmassnahmen zum Trotz. Wohlstand schafft man eben nicht im Flüstermodus.

Meistgesehen

Artboard 1