Herzstück

Immortalisten haben mehr vom Leben

«Da lebt man doch gerne 20 Jahre völlig freudlos, denn alles was Spass macht, ist bekanntlich ungesund.»

«Da lebt man doch gerne 20 Jahre völlig freudlos, denn alles was Spass macht, ist bekanntlich ungesund.»

Herzstück über die Sache mit diesem blöden Tod da.

Es ist heiss, ich weiss. Morgen wirds noch heisser. Und übermorgen – mein Hirn weigert sich bei dieser Hitze, an Übermorgen zu denken. Ist doch schön, sagen viele, es war lange genug zu kühl für die Jahreszeit. Jaha, sage ich, aber von wegen gemässigte Zone und so, mir ist am wohlsten zwischen 21,7 und 22,3 Grad Celsius, mit leichtem Nordwestwind und Luftfeuchtigkeit unter 47,8 Prozent.

Hilft alles nichts, wir müssen uns heute mit einem neuen Trend-Thema beschäftigen: die Immortalisten. Das sind Leute, die beschlossen haben, nie zu sterben. Mithilfe der sich rasant entwickelnden Technik und Erkenntnissen der Medizin wird der Tod bald so was von gestern sein. Deshalb geht es nur noch darum, die nächsten 20 Jahre fit zu überleben. Bis dann gibts ewiges Leben ohne Zusatzversicherung bei der Krankenkasse. Da lebt man doch gerne 20 Jahre völlig freudlos, denn alles was Spass macht, ist bekanntlich ungesund.

Seriöse Immortalisten nehmen bis zu 150 verschiedene Medikamente pro Tag, ernähren sich von geschmacklosen Nahrungsfasern und Ernährungszusatz-Produkten. Sehr empfehlenswert ist offenbar auch das Schlafen auf einer elektromagnetischen Matte. Das erinnert mich stark an die Inserate in Zeitschriften meiner Jugendzeit, die den sagenumwobenen «Dracomagnet» von Hanussen anpriesen.

Das wird dank 5G bald alles überflüssig, weil wir selbst zu stets strahlenden Wesen werden, wie die Sünneli im SVP-Hit-Video. Warum eigentlich sehen die Tänzerinnen im Clip so gequält aus? Das ist eine Frage, der wir nachgehen würden, wenn wir noch mindestens 500 Jahre Leben vor uns hätten.

Abgesehen von der Hitze beschäftigt uns aber gerade mehr die Frage, warum denn jemand so lange leben will. Woher kommt überhaupt die Idee, dass das erstrebenswert ist? Angst vor dem Sterben, okay. Habe ich manchmal auch. Aber nur nicht tot sein zu wollen, ist jetzt auch nicht gerade lebenserfüllend. Leben dann meine Freunde auch endlos? Schön! Und die Leute, die mir auf die Nerven gehen? Oje.

Fakt: Leute mit wenig Einkommen sterben schon heute früher als reiche. Haben die Reichen irgendwann ein Bonus-Leben? Wie halten sie das dann aus, in ihrer Pelzmäntel-Langeweile in St. Moritz und nach der 178. Schönheitsoperation im voll besetzten Jacht-Hafen? Aber nein, sagt mir ein Langlebe-Experte. Wir werden genetische Updates erhalten, damit wir ab einem bestimmten Alter nicht mehr altern.

Welches Alter würde ich dann wählen? Wann war ich auf dem Höhepunkt meines Lebens? Bin ich sicher, dass der schon vorbei ist, mal abgesehen von der durchaus nachlassenden körperlichen und geistigen Frische? Könnte es sein, dass ich erst als 80-Jähriger so vergnügt, gelassen und frei bin wie nie zuvor im Leben? Wenn ich denn so alt werde. Dazu hätte ich schon Lust, um ehrlich zu sein. Drum entschuldigen Sie bitte, ich lege mich jetzt auf die elektromagnetische Matte, esse Fasern und versuche, nichts zu denken.

Damit meine Hirnzellen auch in Zukunft noch so unverbraucht sind wie heute. Es ist einfach viel zu heiss …

Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel.

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