Die letzte Zeit war für mich (m, 55) sehr stressig. Seit Monaten bin ich im Geschäft überlastet, und es kam zu vielen Personalwechseln, da die Betriebs-Atmosphäre sehr angespannt ist. Abends weiss ich kaum mehr, wo mir der Kopf steht. Privat habe ich mich zurückgezogen und sitze nur noch am Computer, um mich abzulenken; für mehr reicht meine Energie nicht aus. Ich leide an Schlafstörungen, kann abends nicht abstellen. Meine engste Arbeitskollegin hat mir geraten, gegen den Stress ein Achtsamkeitstraining zu machen; ihr habe das in einer schwierigen Lebenssituation geholfen. Was halten Sie davon?

____________

Schön, dass Sie eine Kollegin haben, die Ihnen beisteht. Ob ihr Tipp im jetzigen Augenblick hilfreich ist, möchte ich aber infrage stellen. Mir scheint, dass Sie gerade etwas anderes brauchen als ein Achtsamkeitstraining. Ich entnehme Ihrer Beschreibung, dass die Arbeitssituation Ihnen die Lebensfreude geraubt hat, dass Sie sich sehr einsam fühlen und kaum mehr zur Ruhe kommen. Sie sind erschöpft, und Ihr Organismus schlägt Alarm: So kann es nicht weiter gehen.

Ich rate Ihnen, Ihren Erschöpfungszustand ernstzunehmen und sich zuerst beim Hausarzt gründlich abklären zu lassen. Wenn Sie chronisch unter Stress stehen, kann sich das erheblich sowohl auf Ihre psychische als auch auf die körperliche Befindlichkeit auswirken. Aufgrund der Ergebnisse der Untersuchungen sollten dann die notwendigen Massnahmen besprochen werden: Wie können die Schlafprobleme behandelt werden? Braucht es eine längere Krank- schreibung, damit Sie sich ausgiebig erholen können, um wieder Zugang zu Ihren bisherigen Freizeitbeschäftigungen und sozialen Kontakten zu finden?

Eine Psychotherapie wäre angebracht, um Ihre Arbeits- und allgemeine Lebenssituation zu reflektieren: Wie ist es zu diesem Erschöpfungszustand gekommen? Was müsste sich ändern, damit das nicht wieder geschieht? Vielleicht würden Sie neben äusseren, kaum beeinflussbaren Stressoren auch innere Antreiber entdecken (z.B. hohe Ansprüche an sich selbst, es allen recht machen wollen etc.), auf die Sie durchaus Einfluss nehmen könnten. Begleitend zu einer Psychotherapie, sobald Ihre Situation sich wieder etwas stabilisiert hat, könnte es dann sinnvoll werden, sich mit Achtsamkeit auseinanderzusetzen.

Achtsamkeitskurse sind gerade sehr in Mode, und in den Medien lassen sich vielerlei Angebo-te finden. Diese können – bei richtiger Anwendung – im Umgang mit Stress, Schmerzen und chronischen Erkrankungen tatsächlich hilfreich sein und auch prophylaktisch gegen Rückfälle wirken. Am besten erforscht ist MBSR (mindfulness based stress reduction), ein Programm, das der Molekularbiologe Jon Kabat Zinn in den USA entwickelt hat. An acht Abenden und einem ganzen Tag lernt man in einer Gruppe in wertschätzender Atmosphäre Methoden (z.B. Atembeobachtung, Körperübungen, Body Scan, Geh-Meditation etc.) kennen, um mit Stress und leidvollen Erfahrungen achtsamer umgehen zu können.

Solche Programme dürfen aber nicht als Psychotherapie im eigentlichen Sinne verstanden werden. Sie können nur Anstösse geben und setzen einiges an Motivation und Selbstdisziplin voraus. Nur wenn die gelernten Methoden regelmässig zuhause geübt werden, ist mit einer nachhaltigen Wirkung zu rechnen. An einem MBSR-Kurs teilzunehmen, setzt also eine gewisse Stabilität voraus und die Möglichkeit, genügend Zeit und Energie dafür aufzubringen. Ich glaube nicht, dass das bei Ihnen jetzt schon der Fall ist.