Nota Bene

Kinostuhl statt Bett

Als flüchtige Bekannte zusammen ins Kino und nach dem Film als Paar wieder raus. So ging das früher. (Symbolbild)

Als flüchtige Bekannte zusammen ins Kino und nach dem Film als Paar wieder raus. So ging das früher. (Symbolbild)

Als flüchtige Bekannte zusammen ins Kino und nach dem Film als Paar wieder raus. So ging das früher. Wer anbandeln wollte, machte es sich im dunklen Saal auf den gemütlichen Sesseln bequem. Erfolgsquote? Minimum 100 Prozent. Ich rede aus Erfahrung. Manchmal zog ich die samtigen Polstersessel sogar dem Bett vor. Aber nicht so, wie Sie es sich jetzt vielleicht vorstellen. Wenn meine Freunde und ich nach der Bartour noch nicht nach Hause wollten, gingen wir einfach in die Nocturne-Vorstellung. Und ich wachte manchmal erst beim Abspann wieder auf.

Verschlafen habe ich auch den letzten Tag des Kino Rex. Jetzt, wo in diesen Sälen für immer die Lichter ausgegangen sind, bereue ich es, nicht nochmals dort gewesen zu sein. Ich stelle fest: Seit über einem Jahr habe ich keinen Film mehr auf Grossleinwand gesehen. Lieber habe ich mir im Heimkino in Endlosschlaufe Serien und Blockbuster reingezogen. Als ich letzthin am Aeschenplatz mit dem Auto in der Kolonne stand, wurde mir meine Mitschuld am Kinosterben richtig bewusst. Wegen Leuten wie mir stand auf dem riesigen Filmplakat «6 Underground, ab 13. Dezember auf Netflix» statt «im Kino». Das hat mich geschockt.

Aber wie bekommt man heute das Publikum ins Kino? Popcorn, stimmungsvolles Licht, grossartiger Sound und eine überdimensionale Leinwand reichen nicht mehr aus, um die Leute aus dem Haus zu locken. Auch ich habe an meiner Lampe einen Dimmer, das Surround Soundsystem steht neben dem Sofa. Und wenn ich will, stelle ich die Popcornmaschine auf und installiere einen Beamer. Zudem: Warum sollte ich für einen Film 20 Franken bezahlen, wenn ich mich im Abo für wenig Geld dumm und dämlich schauen kann?

Ein besonderes Erlebnis muss her! Dass das Mascotte immer noch Publikum anzieht und das Rex seine Tore schliessen muss, gibt mir zu denken. Allerdings weiss ich aus sicheren Quellen, dass es in den dunklen Sälen des Sexkinos um mehr geht als nur ums Filmeschauen. Zwei meiner Freunde arbeiteten während dem Studium an der Kinokasse und erzählten mir von Orgien und gebrauchten Taschentüchern zwischen den Sitzen. Im Mascotte gilt noch immer die Devise: Lieber Kinostuhl statt Bett.

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