Wochenkommentar

Korpsgeist aus der Vergangenheit

Gerhard Lips (r.) verlässt die Polizei, Martin Roth (l.) ist nun Polizeikommandant ad interim.

Gerhard Lips (r.) verlässt die Polizei, Martin Roth (l.) ist nun Polizeikommandant ad interim.

Der Basler Regierungsrat Baschi Dürr hat die Notbremse gezogen und sich «im gegenseitigen Einvernehmen» von Polizeikommandant Gerhard Lips getrennt. Beide Seiten betonen, dass die lange Liste der Skandale, die in den letzten Wochen fast im Tagesrhythmus erweitert wird, bei der Entscheidung keine Rolle gespielt habe.

Das mag so sein – und ist trotzdem nicht ganz richtig. Denn die grossen und kleinen Skandale haben eine Gemeinsamkeit: das Selbstverständnis einer Offizierskaste, das an Selbstherrlichkeit grenzt und auf die Mannschaft abfärben kann. Zum Beispiel auf jene Mitarbeiterin, die einer Amtsgeheimnisverletzung beschuldigt wird.

Sie soll vertrauliche Daten über den Aufenthaltsort einer Frau an deren Ex-Partner weitergereicht haben. Oder jener Sicherheitsassistent, der seinen Zugang zu sensiblen Daten nützte, um Erdogan-Gegner zu identifizieren. Diese gravierenden (mutmasslichen) Vergehen lassen auf eine Betriebskultur schliessen, in dem solches Tun nicht besonders auffällt.

Seit 2009 war Lips im Amt. Seit 2013 mit Dürr als politischem Vorgesetzten. Reichlich Zeit also, um im Korps einen neuen Geist zu etablieren. Einen Geist, der den heutigen gesellschaftspolitischen Vorstellungen entspricht. Die Zeiten, als Polizisten, ähnlich wie die Ärzte, eine Art Halbgottstatus innehatten, sind längst vorbei. Es liegt nicht mehr drin, sich nur das geringste Privileg zu gönnen.

Egal, ob Dienstwagen oder Velo-Selbstbedienung oder Rundflug. Es ist mehr als erstaunlich, dass dem Kader diese Sensibilität bis heute fehlt. Und nur noch absurd ist der Rekurs einiger Kadermitglieder gegen die verschärfte Dienstwagenverordnung. Lips hat es an der Medienkonferenz selbst gesagt: Der Korpsgeist pendle zwischen Tradition und Moderne. Man muss annehmen, dass sich der scheidende Kommandant an den Traditionalisten die Zähne ausgebissen hat.

Gerhard Lips riskierte auch einmal eine Lippe

Lips konnte nie auf die vollständige Rückendeckung seines Kaders zählen. Die Häufung von Indiskretionen, welche den Medien zugespielt wurden, ist dafür ein Indiz. Und er hat sich extern und intern Feinde gemacht, nur weil er aussprach, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. So hat sich Lips mit dem Heiligtum FC Basel und dessen Präsidenten Bernhard Heusler angelegt, weil er den Club im Kampf gegen die Hooligans stärker in die Pflicht nehmen wollte.

Dass er dabei übers Ziel hinausgeschossen ist, indem er Heusler mehr oder weniger offen der Komplizenschaft mit den Chaoten bezichtigte, war nicht wirklich geschickt. Auch dass er freimütig beschrieb, wie ihn das kantonale Personalrecht daran hindere, missliebige Mitarbeiter aus seinen Reihen zu entfernen, hat ihm wohl eher geschadet als genützt. Innerhalb der Polizei dürfte ihm das als Verrat ausgelegt worden sein. Nun wollte man ihn erst recht destabilisieren, öffentlich demontieren. So lange, bis Dürr ihn fallen lassen musste.

Interimsführung ist belastet

Das ist nun gelungen. Doch gewonnen ist damit gar nichts. Die interimistische Nummer 1 heisst Martin Roth. Er war es, der als Gesamteinsatzleiter nach der erfolgreichen Bewältigung des Europa-League-Finals im Mai letzten Jahres für den 30-köpfigen Kernstab Sicherheit ein üppiges Nachtessen und einen Rundflug mit einer JU 52 spendierte. Auf Staatskosten. Im Gegensatz dazu durften die Kameraden von der Berner Polizei die Finalnacht in ihren Mannschaftsbussen verbringen, weil man vergessen hatte, ihnen eine Unterkunft zu besorgen.

Roths Nummer 2 heisst Rolf Meyer, wäre eigentlich der erste Stellvertreter von Lips gewesen, doch ist er durch die Dienstwagen-Affäre angeschlagen. Es stehen also zwei Männer in der Verantwortung, die nicht unbedingt für einen modernen Korpsgeist stehen.

Wenn Dürr die «führungskulturellen Differenzen» (der ehemalige PR-Mann weiss, wie man Worte erfindet) als behoben ansieht, dann täuscht er sich. Die Arbeit beginnt nun erst. Und sie beginnt praktisch bei Null. Denn die Abservierung von Lips dürfte im Korps anders verstanden werden, als von Dürr beabsichtigt.

Nämlich als Rückkehr in die guten alten Zeiten, als man irgendwelche Privilegien als normal erachtete, sich gegenseitig den Rücken deckte und allfällige Verfehlungen einzelner Kolleginnen und Kollegen lieber selber regelte. Zudem ist nicht davon auszugehen, dass im Kader seit gestern Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Lips ist zwar weg, die Probleme aber bleiben.

Gesucht: Superman

Kaum vorstellbar, dass Dürr unter diesen Voraussetzungen den neuen Kommandanten in den eigenen Reihen suchen wird. Er braucht eine Persönlichkeit von Aussen, die erst noch wahre Superman-Qualitäten aufweisen muss. Integer, unabhängig, führungserfahren, durchsetzungsfähig, kollegial. Und dieser neue Kommandant braucht mehr als ein Dürrsches Lippenbekenntnis. Er braucht volles Durchgriffsrecht, um den Widerstand im Kader zu brechen. Bisher hat die tägliche Polizeiarbeit unter den Querelen gelitten. Mit Betonung auf bisher.

david.sieber@schweizamwochenende.ch

Meistgesehen

Artboard 1