Es ist nur ein Experiment: Ich lebe bis nach Ostern ohne Internet. Keine Mails, keine Online-Zeitung, kein Linkedin, Facebook oder Twitter, kein Nachschauen auf Wikipedia. Kann man so überhaupt noch arbeiten? Leben? Experimente können auch schiefgehen, bekanntlich.

Meine Chemie-Experimente brachten mich zwar nicht um, aber ein Mal flog mir die Versuchsanleitung um die Ohren. Ein anderes Mal atmete ich Ammoniak ein und meinte, mein Kopf explodiere. So dramatisch wird es schon nicht werden. Oder doch?

Ich habe den Verdacht, dass ich ohne Internet kaum mehr auskomme. Nicht nur wegen der 50 bis 60 Mails, die ich jeden Tag erhalte und schreibe. Es vergeht auch in der Freizeit kaum eine Stunde, in der ich nicht irgendetwas «nur schnell» checke, meine Social-Media-Accounts beobachte und immer, immer wieder nachschaue, was es Neues gibt auf der Welt.

Ich bin ein richtiger News-Junkie. Der Lebensmodus ist steter Aufregungszustand. In zehn Jahren wird die dauernde Erreichbarkeit und das unkontrolliert benutzte Smartphone – es kontrolliert eher uns – als ähnlich gesundheitsgefährdend gelten wie das Rauchen.

Nicht dass es Missverständnisse gibt: Ich bin kein Technikfeind. Alles Neue fasziniert mich. Die Möglichkeiten heute sind unglaublich. In meiner Hosentasche habe ich mit dem Smartphone mehr Computerleistung als die NASA zur Verfügung hatte, um Menschen zum Mond und zurückzubringen. Das ist nichts Besonderes, es ist Standard. Daneben habe ich noch PC, Mac und iPad. Irgendwann wird der Moment kommen, ab dem ich mehr Zeit verbringe, die Realität durch Bildschirme anzuschauen als unmittelbar.

Ich sehe mehr auf Radarbilder als zum Himmel, um das Wetter abzuschätzen. Ich unterbreche jedes Gespräch, wenn eine Whatsapp mein Phone vibrieren lässt. Meine erwachsenen Kinder sind als «Digital Natives» aufgewachsen. Sie wundern sich manchmal über mich und meine Abhängigkeit. Dabei sollte doch die ältere die junge Generation ermahnen. So war es doch immer. Verkehrte Welt.

Jetzt muss ich noch die Frage klären, ob ich auf kalten Entzug gehe und sofort alles abschalte oder Schritt für Schritt die Kanäle schliesse. Vor der Fasnacht fing ich an, meine Kundenkarten zu verleugnen. Das hat natürlich noch wenig mit Verzicht auf Internet zu tun. Nur mit digitalen Spuren. Aber wenn ich auf die Frage nach meiner Supercumulustreue-Karte trotzig sage: «Ich habe keine», fühle ich mich ein wenig wie ein Rebell. Zugegeben: Auch ein wenig wie ein Ausgestossener aus der Gesellschaft.

Zu überprüfende These: Die Angst, etwas zu verpassen, ist in Wirklichkeit die Angst, vergessen zu werden. Bin ich ohne Netz noch jemand in der analogen Welt? Ich werde meine Erfahrungen festhalten. Briefe schreiben. Social Media sind tabu ab Mitternacht. Erlaubt sind Telefonanrufe. Und vorläufig EIN Mal die Woche Mails checken und kurz beantworten – bis Ende März. Danach ist fertig. Ruhe. Zeit für Begegnung. Zum Nachdenken. Es ist nur ein Experiment.