Von meinem Fenster im vierten Stock blicke ich direkt aufs Münster. Das Sujet für mein erstes Bild als Hobbymaler liegt also auf der Hand. Aber es ist kompliziert. All diese Zäggeli, Türmchen und das farbige Dach im Rautenmuster – es ist zum Verzweifeln! Kurz überlege ich, ob ich mein vergessenes Hobby wirklich wieder beleben will, fasse aber nochmals Mut. Blau und Gelb gibt Grün. Grün und Rot gibt Braun. Das weiss ich.

Schliesslich bin ich in Sachen Malen familiär vorbelastet. Also mische ich ein passendes Braun und ziehe bewaffnet mit diversen Pinseln in die Schlacht um das Münster. Zuerst zeichne ich zwei langgezogene Dreiecke und fülle sie braun aus. Bei den Zacken bescheisse ich ein wenig. Nun sehen die Münstertürme aus wie überdimensionale Kratzbürsten. Ach, verfluchtes Münster, verfluchtes Grossbasel! Schimpfen über die andere Rheinseite kommt mir bekannt vor.

Genau: Fasnacht 2019. Auch für die Alten Stainlemer lag das Sujet auf der Hand, und dann wurde es zu ihrem Pech kompliziert. Und das Bild, das dadurch entstand, war ebenfalls eindeutig braun gefärbt. «Was schyyns sich Mänggi wünsche wurde, nit z vyyl Dirgge, Serbe, Kurde», hiess es auf ihrer Laterne der alten Garde. Gehts noch! Ich als Kleinbasler sag ja auch nicht, im Grossbasel wohnen vor allem Sarasins, Vischers und Burckhardts. Weil es nicht stimmt.

Die kulturelle Vielfalt macht das Kleinbasel aus. Und wir Basler profitieren davon. Wo kannst du am Sonntag um 21 Uhr noch ein Brot kaufen? Beim «Dirgg» an der Riehentorstrasse. Wer sorgt den ganzen Tag für Gratis-Livemusik? Der «Serb» am Claraplatz. Wo bekommst du einen Haarschnitt für 20 Franken? Beim «Schwob» an der Feldbergstrasse. Was mich auch hässig macht, sind Laternenverse, wie: «Friehner bisch do ummegloffe, hesch Meiers oder Huebers droffe. Hütte heisse d Lyt vo doo Güslüm, Simic, Ling und soo.»

Seien wir mal ehrlich: Komisch sind nicht die Namen der Immigranten. Wenn ich mit meiner dreijährigen Tochter auf dem Matthäusspielplatz die Rutschbahn runterflitze, wundere ich mich eher über die Hipster-Eltern: «Aruni, kumm do ane», rufen sie. Oder: «Nei, Coco, das Schüüfeli ghört em Leander.»

Mit dem Münster bin ich inzwischen durch. Nun mache ich mich an die Kleinbasler Häuser im Vordergrund. Hier fühle ich mich zu Hause. Schliesslich bin ich seit Geburt dem minderen Basel treu geblieben. Geboren am Bläsiring, zog ich später in die Rebgasse. Von dort an die Horburgstrasse, dann den Rhein wieder hoch an die Wettsteinallee. Nun landete ich erneut in der Rebgasse. Wenn ich auf der anderen Seite unserer Wohnung aus dem Fenster blicke, sehe ich den Roche-Turm. Vielleicht nehme ich diesen das nächste Mal als Sujet. Er ist weniger kompliziert zu malen – und weiss statt braun.