philosophicum

Lob der Pause

Ein idealer Ort für eine Pause – das aktuellste Philosophicum widmet sich der Pause.

Ein idealer Ort für eine Pause – das aktuellste Philosophicum widmet sich der Pause.

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Ich verdanke Pausen fast alles. Die frische Luft. Den ersten Kuss. Die besten Ideen. Schon im Kindergarten sind Pausen mein Lebenselixier gewesen: Ich erinnere mich vor allem daran, wie wir draussen herumgesprungen sind, wie ich noch zu klein gewesen bin, um die schönen Mädchen gegenüber den bösen Jungs zu verteidigen, etc.

In der Schule war es ähnlich: Pausenzeit war Festeszeit. Pausen durchlüfteten das Raumklima und verdichteten das soziale. Und wie ist es heute? Heute ist es ähnlich: Ich bin darauf angewiesen, nicht pausenlos angestrengt, beschäftigt, unterwegs zu sein. Ich bedarf der Pausen.

Was genau zeichnet eine Pause aus? Eine Pause ist ein Übergangsgeschehen, ein Zwischenspiel, ein Intermezzo. Es gibt ein Davor und ein Danach. Die Pause bildet den Übergang. Sie ist ohne Vorheriges und Nachfolgendes nicht denkbar – doch diese sind ohne Pause ebenfalls undenkbar!

Pausen rhythmisieren das Leben. Sie beschliessen Altes, ohne es abzuschliessen, und sie eröffnen Neues, ohne es aufzumachen. Pausen halten sich vornehm zurück – und genau deshalb sind sie dafür prädestiniert, das Wesentliche zur Erscheinung zu bringen.

Wer all das bedenkt, der muss sich verwundert die Augen reiben, wenn er bemerkt, wie es heute um Pausen bestellt ist. Pausen werden überall angefeindet. Sie gelten als Trutzburgen der Nutzlosigkeit, als Kernzeit der Leistungsverweigerer, als unheilvolle Effizienzkiller. Und deshalb rücken wir ihnen mit immer mehr Programmen auf den Leib.

Pausenprogrammen.
Wir verplanen die freie Zeit, auf dass uns währenddessen auch ja kein frischer Wind um die Nase wehe – wir könnten ja auf gute Ideen kommen! Und so leben wir pausenlos dahin – nicht, weil wir keine Pausen mehr verordnet bekämen; nein, gerade weil wir sie uns nur noch verordnen lassen!

Wer nur noch Pausen einlegt, die ihm verordnet worden sind, und wer dabei nur noch das tut, was von ihm verlangt wird, der lebt pausenlos am Wesen der Pause vorbei. Wer keine Pausen kennt, der brennt aus, ohne je richtig Feuer gefangen zu haben.

Pausen sind nicht die einzigen Phänomene auf der schwarzen Liste der Effizienzfanatiker. Alle Tätigkeiten, die Zeit benötigen, die sich nicht verzwecken lässt, sind vom Aussterben bedroht. Wer heute noch gern wartet, sucht, versteht, der gilt als vorgestrig; heute wird einfach erreicht, gefunden, gewusst.

Dass Warten, Suchen, Verstehen der freien Zeit bedürfen, die uns immer ungewohnter ist, lässt sich an der steigenden Unfähigkeit erkennen, damit umzugehen. Wir geben das Warten, Suchen, Verstehen oftmals entnervt auf, weil sie uns ebenso überfordern wie Pausen.

Die Generalpausen des Lebens sind der Schlaf und der Tod. Und auch diese grossen Pausen werden inzwischen vorprogrammiert. Wer gut schlafen und gut sterben will, der plant dieser Tage seinen Schlaf und seinen Tod. Oder er will erst gar nicht einschlafen und kurzerhand unsterblich sein.

Dabei verspielen wir ungeheure Möglichkeiten: nämlich den Schlaf und den Tod als grosse Freizeiten zu begreifen. Wer weiss, vielleicht bringen sie uns ja auf gute Ideen, wenn wir nach einer Pause wieder aufwachen, wieder auferstehen? Ich jedenfalls beschliesse jetzt diese Kolumne und mache zunächst einmal Pause.

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