Im Evangelium ist überliefert, dass die römische Wachmannschaft unter dem Kreuz Jesu ausgelost habe, wer von ihnen die Kleider des sterbenden Mannes aus Nazareth behalten darf. Haben manche Christinnen und Christen auch deswegen Mühe mit Spiel und Glücksspiel?

Geldspiele im Kasino sind mir suspekt. Mit dem Lottospiel unterstützt man immerhin kulturelle, sportliche, soziale Werke. Ich habe auch schon gespielt. Viele meine älteren Pfarrkollegen sind leidenschaftliche Jasser, die spielen auch mal um ein paar Franken oder eine gute Flasche Wein; die jüngeren spielen wohl eher an ihren PCs.

Einmal im Jahr lassen wir Evangelischen dem Zufall spielerisch den Vortritt – und das seit 280 Jahren: mit den Losungen! Da werden aus einem riesigen Topf voller Zettel Bibelsprüche für 365 Tage gezogen. Zu jedem Tag gehört ein Bibelvers aus dem Alten und Neuen Testament, plus ein Gebet oder eine Liedstrophe. Es ist eine Sache mit dem Lesen in der Bibel. In unserer vielfältig vielseitigen Heiligen Schrift, die ein Sammelband von 67 Büchern ist, findet man sich nicht leicht zurecht.

Bei über einer Million Menschen in Deutschland liegen die Losungen als Büchlein daheim, erscheinen x-millionenfach täglich auf Smartphones, oder kommen als Email Tag für Tag frei Haus. Diese unsichtbare Gemeinde ist am Boomen, auch in der Schweiz! Die Idee ist so bescheiden wie niederschwellig wie freilassend. Inzwischen werden die Losungen in 50 Sprachen übersetzt. Damit das zeitlich klappt, wird vier Jahre im Voraus ausgelost. Wenige Worte aus der Bibel verbinden so weltweit Menschen: Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfession, Kultur und Frömmigkeit, Kirchennahe und Kirchenferne.

Vielerorts sind diese paar Gedanken Basis einer kurzen Besinnung, regen zu Zuspruch oder auch Widerspruch an: allein, in der Familie, im Büro, in der Schule, im Spital. Oder sind sie Lieferanten von Predigtideen für Leute wie mich.

Die spielerische Idee geht auf 1731 und den Adligen Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zurück. Der Graf hatte auf seinem riesigen Gehöft in Herrnhut vielen evangelischen Flüchtlingen aus dem Osten eine Bleibe gewährt. Dort entstand jene Gemeinschaft, welche die Losungen erfunden hat und seither verantwortet und herausgibt. Seit 1930 gibt es fürs ganze Kalenderjahr auch eine Jahreslosung. Diese hat nichts mit Herrnhut zu tun, sondern kommt aus Berlin. 1969 ist auch die katholische Kirche Deutschlands dazu gestossen. Jahreslosungen werden aber seltsamerweise nicht ausgelost, sondern durch Diskussion und demokratische Abstimmung von einem Fachgremium bestimmt.

Pfarrerinnen und Pfarrer verfassen über die Jahreslosung zu Neujahr gefühlte hunderttausend besinnliche Kurztexte und Predigten. Wer in ein Kirchenblatt wie den Januar-Kirchenboten blickt und die Gemeindeseiten überfliegt, bekommt rasch eine Überdosis davon.

Nichtsdestotrotz: Für 2017 wurde ein grossartiges Wort des alttestamentlichen Propheten Ezechiel ausgewählt. Ich finde, dieses Wort spricht für sich – wer wünscht sich das nicht?! «Gott sagt: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.»