Herzstück

Mit dem Läufelfingerli ins All

Das Läufelfingerli über dem Viadukt Rümlingen.

Das Läufelfingerli über dem Viadukt Rümlingen.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück zu U2, #metoo und Ross 128b.

Die beste Nachricht der letzten Woche war die Entdeckung von Ross 128b. Was für ältere Menschen nach Bonanza tönt, ist für Astronomen ein erdähnlicher Planet, auf dem Leben möglich sein könnte. Im Winter muss man sich zwar warm anziehen bei bis zu –60 Grad, dafür sind die Sommer angenehm mild bei etwa 20, eine Klimaerwärmung ist dort nicht in Sicht. Kleiner Nachteil: Ross 128b ist 11 Lichtjahre entfernt. Also eine Strecke, für die das Licht 11 Jahre braucht. Wie lange bräuchte man dafür mit dem Läufelfingerli, fragen sich jetzt viele. Das kann ich präzise sagen: Sehr lange. Aber das darf kein Argument für die Abschaffung der S9 sein. Auch mit dem Bus werden die wenigsten pünktlich auf Ross 128b zur Arbeit kommen, zumal sie auf dem Weg dahin einen noch viel erdnäheren Planeten passieren müssen, nämlich Proxima b, der lächerliche 4 Lichtjahre entfernt ist von uns.

Da zu erwarten ist, dass bis 2025 (Ende der zweiten Amtsperiode von Donald Trump) unser blauer Planet weitgehend unbewohnbar geworden ist, werden viele nach Proxima pendeln und für Staus sorgen. Das wird der Schänzlitunnel der Milchstrasse. Interessanter Fakt: Wer von Proxima b aus mit einem sehr starken Teleskop zum Schänzlitunnel schaut, sieht von dort aus die Baustelle noch lange nach der Fertigstellung. Weil die Baustelle nur 3½ Jahre dauert und das Licht eben 4 Jahre braucht, aber das habe ich ja oben schon erklärt. So lange sind also 4 Lichtjahre auch wieder nicht, wir können uns freuen, dass die Ersatzerde praktisch zum Besiedeln bereitsteht.

Das ist auch dringend nötig, wenn man sich all die unerfreulichen Nachrichten aus der Welt zu Gemüte führt. Immer mehr Menschen reden anscheinend nur noch mit Alexa, Google Assistant und Siri. Diese intelligenten Sprachprogramme wissen auf fast alles eine Antwort und beantworten auch wiederholt gestellte Fragen völlig geduldig. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die ersten Scheidungsprozesse erleben, bei denen die Partnerin ins Feld führt, dass Siri sie besser versteht als ihr biologischer Lebensgefährte. Amazons Alexa weiss jetzt schon viel genauer als meine Frau, welche Filme und Bücher mir gefallen. Das ist entscheidend gerade in der Weihnachtszeit, die bekanntlich Ende August begonnen hat und bis zum 27. Dezember dauert, wenn endlich, endlich Ostereier und Schoggihasen in den Läden bereitstehen.

Einen besonders schönen Weihnachtskatalog verdanke ich dieses Jahr dem Globus. Das ist ein Geschäft, das die ursprüngliche Botschaft vom Stall in Bethlehem noch verstanden hat und fröhlich die gute Nachricht in die Welt ruft: «Diese Weihnachten ist die Opulenz zu Gast» (S. 115). Da ist ein Globi, wer nicht prunkvoll mitfestet im «Grand Hôtel Globus», wo der Liftboy Orlim, dessen Leben, haha, «ein stetes Auf und Ab ist» (get it?). Der 41-Jährige hat in Ecuador Biologie studiert und ist darum genügend gebildet, für die Superreichen in der Schweiz den Liftknopf zu drücken. SO stellen wir uns Migranten vor, das ist einfach mustergültige Integration. Nein, nicht ich bin zynisch. Bitte lesen Sie Seite 45 im Katalog. Ach was, lesen Sie den ganzen Katalog von vorne bis hinten und dann schreiben Sie einen opulenten Fan-Brief an den Globus-CEO, der uns in eine «Fünf Sterne-Weihnachtswelt entführen» will (S.13).

Ich ermahne Sie: Seien Sie freundlich und wenn möglich humorvoll. Es gibt genug Rüpelhaftigkeit und Rücksichtslosigkeit auf der Welt. Das gab es immer. Mich beschäftigt, dass sich niemand mehr daran stört. Paradise Papers? Ach, da kann man nix machen, die Reichen finden immer Schlupflöcher. Ja. Aber bitte, sogar meine Jugendidole U2 und die Queen? Ist es eigentlich ein Zufall, dass Paradise Papers und opulente Weihnachten verdrehte Begriffe sind, die das pure Gegenteil meinen? Gibt es eigentlich noch Menschen, die nicht nur optimierte Zahlen als ihre Grundwerte ansehen? Wie lange dauert es wohl, bis die ersten Männer sich öffentlich lustig machen über #metoo oder alles relativieren und die betroffenen Frauen (es sind schrecklich viele) als unglaubwürdig bezeichnen? Ach so, das geschieht ja bereits. Da besteht wirklich nur noch Hoffnung auf künstliche Intelligenz. So schlimm wie natürliche Dummheit kann sie gar nicht sein. Oder doch?

Darüber und über anderes reden namhafte Referenten am Montag, 27. November, um 19.30 Uhr in der Peterskirche in Basel. Wenn Sie mal an einem Fünf-Sterne-Abend teilnehmen möchten mit opulentem Apéro, melden Sie sich unter www.pfarramt-wirtschaft.ch.

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