Persönlich

Nathalies deprimierendes Geheimnis

Als Bécaud «Nathalie» 1964 herausbrachte, stand die Berliner Mauer erst seit wenigen Jahren. Hier im Bild: Der «Bruderkuss» zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker. (Archivbild)

Als Bécaud «Nathalie» 1964 herausbrachte, stand die Berliner Mauer erst seit wenigen Jahren. Hier im Bild: Der «Bruderkuss» zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker. (Archivbild)

Was die heutige Generation niemals an Gilbert Bécauds Chanson-Klassiker verstehen wird.

Ein feuchtfröhlicher Karaokeabend kurz vor Weihnachten hat mich dazu gebracht, Gilbert Bécauds Chanson-Klassiker «Nathalie» in allen Variationen auf Youtube nachzuhören. Vermutlich wurde der «Monsieur 100.000 Volt» seiner Ost-West-Ballade schon ziemlich bald derart überdrüssig, dass er sie mit den Jahren an seinen Auftritten immer stakkatoartiger sang.

Diese bewusste Dekonstruktion sollte wohl der Verkitschung der Liedzeilen entgegenwirken, die heute noch jedes Schulkind in Frankreich auswendig kennt. Da ist der französische Tourist in Moskau, der sich in seine Fremdenführerin verliebt, ihr an der Fête in ihrer Studentenbude nahe kommt und sich Jahre später noch, als er längst zurück in Paris ist, nach ihr verzehrt.

Erst am Schluss ist mir aufgefallen, dass die heutige Generation sehr wohl die Worte und die unvergessliche Melodie nachsingen, aber eine Dimension von «Nathalie» kaum mehr erfassen kann. «C'est, c'était loin déjà. Que ma vie me semble vide, mais je sais qu'un jour à Paris, c'est moi qui lui servirai de guide», singt der Liebende voller Zuversicht. Bei mir - und vielen anderen von Bécauds Zeitgenossen wohl auch - lösten diese Textzeilen aber vor allem eine deprimierende Hoffnungslosigkeit über die allgemeine Weltlage aus.

Als Bécaud «Nathalie» 1964 herausbrachte, stand die Berliner Mauer erst seit wenigen Jahren. Als ich das Lied Ende der 1970er-Jahre erstmals bewusst wahrnahm, war der Kalte Krieg mit oszillierender Intensität so allgegenwärtig wie der Eiserne Vorhang undurchlässig. Selbstverständlich würden die Sowjets Nathalie nie im Leben in den Westen ausreisen lassen, damit sich der Franzose bei ihr als Fremdenführer in Paris revanchieren konnte. Vielleicht war Nathalie sogar eine vom KGB eingesetzte Aufpasserin gewesen. Das von Bécaud heraufbeschworene Wiedersehen an der Seine war also nicht Ausdruck einer politischen Weitsicht, sondern die verzweifelte, naive Narretei eines hoffnungslos Verliebten.

Wir wissen, dass alles anders gekommen ist: 1989 fielen die Mauern, die kommunistische Sowjetunion brach 1991 auseinander. Gilbert Bécaud hat das alles miterlebt. Mit Nathalie ist er zwar nie zusammengekommen. Dafür durfte er zwei Jahre vor seinem Krebs-Tod 1999 in Moskau das im Lied erwähnte «Café Pouchkine» eröffnen. Dieses war wie die besungene Fremdenführerin eine blosse Erfindung des Texters Pierre Delanoë gewesen.

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