Ich sitze auf der Terrasse der Chesa Pool im Fextal über Sils-Maria, Oberengadin, und lasse mir ein Gazosa mit Heidelbeergeschmack kommen. Diesen Bündner Getränkehersteller gibt’s immerhin seit 1921 – schon mein Grossvater konnte also theoretisch ein Sprudelwasser dieser Marke trinken. Ein wenig künstlich sieht es allerdings aus, was mir jetzt gebracht wird – dafür ist, so entnehme ich dem Etikett, der Farbstoff Brillantschwarz verantwortlich, ein synthetischer, wasserlöslicher Lebensmittelfarbstoff, der als «gesundheitlich unbedenklich» gilt, wenngleich… Nun, so genau will ich es nicht wissen und breche meine Wikipedia-Lektüre deshalb ab. Auf dem Etikett aber lese ich weiter: «naturidentische Aromen». Das trägt nicht unbedingt zu meiner Beruhigung bei. Naturidentisch ist nicht natürlich – so viel steht fest. Weshalb kann ein solches Erfrischungsgetränk nicht bei den natürlichen Aromen bleiben? Insbesondere das – natürliche – Aroma der Heidelbeere wäre für mich naheliegend gewesen.

«Naturidentisch» – das Wort lässt mir keine Ruhe. Es meint doch offenkundig: gleich wie die Natur, genau gleich. «Naturidentisch» ist eine Kopie der Natur, und zwar eine so perfekte, dass sie vom Original nicht mehr zu unterscheiden ist. Schon der Vergleich, der zum Urteil: «identisch» gelangt, setzt aber die Unterscheidung zwischen der Natur dort und dem kopierenden Menschen hier voraus. Sind wir aber nicht selbst auch Teil der Natur? Wird das nicht vergessen, wo es nur noch ums originalgetreue Kopieren geht?

«Die Natur» – wie kommen wir überhaupt dazu, sie so zu objektivieren, sie uns Menschen gegenüberzustellen? Ist das, was wir von ihr auf diese Weise zu verstehen meinen, wirklich «die Natur»? Dass wir von «der Natur» lernen möchten, statt ihr besserwisserisch und rücksichtslos unsern Stempel aufzudrücken, könnte von Respekt dieser Natur gegenüber zeugen. Könnte. Hier kommt mir aber der medienpräsente Immunologe Beda Stadler in den Sinn, der die Gefahren der Gentechnologie mit der Bemerkung verharmlost, dass jede Genmanipulation «der Natur abgeschaut sei» (SRF-News vom 13.2.2016). Dass ein Gutteil des Problems in dem Wort «Manipulation» steckt, entgeht ihm offenkundig. Die Natur «manipuliert» nicht – das wäre eine sinnlose Aussage. Manipulieren kann nur der Mensch, und dieser manipuliert dann, wenn er absichtlich und aus eigennützigen Motiven heraus etwas verändert, was normalerweise seinem Zugriff entzogen ist und zu dessen Veränderung er möglicherweise keine Befugnis hat. Genau das aber ist (auch) Natur: das, worin wir uns immer schon vorfinden und worüber wir nicht verfügen. Manipulation wird also nicht schon dadurch «natürlich», dass wir sie nach dem (angeblichen) Vorbild der Natur vollziehen. Jede Manipulation negiert als solche einen wesentlichen Aspekt von Natur. Und wo, zum Teufel, ist nun der Respekt geblieben, solange dies nicht anerkannt wird?

Mir ist «die Natur» nur bedingt ein Vorbild. Doch ich habe Respekt vor ihr. Nicht wie vor einem vorbildlichen Gegenüber, sondern weil sie meine Herkunft ist und meine aktuelle Existenz wie ihr Schatten ständig begleitet. Und auf Naturidentisches möchte ich nach Möglichkeit verzichten.