Ich hab die Stimme unseres Physiklehrers noch genau im Ohr: «Immer in Grundeinheiten rechnen!», das brannte er uns Schülern ein, damals Ende der 1980er-Jahre. Für uns durfte es nur Meter, Sekunden und Gramm geben, später Ampere, Kelvin und Mol. Das metrische System war für ihn sakrosankt, alles andere waren keine ernst zu nehmenden Grössen. Dass die Amerikaner ihre Mondlandungen alle in obskuren imperialen Massen berechnet hatten, war ihm ein Gräuel.

An diesen Lehrer muss ich denken, wenn ich jeden Morgen im Kleinbasel auf den Bus warte. Da sagt mir nämlich eine Anzeige, wie lange ich noch warten muss. Ich verzeihe es den Basler Verkehrs-Betrieben, dass sie das nicht in der Grundeinheit Sekunde tun.

Aber ich nehme ihnen nicht ab, dass die orangen Leuchtzahlen Minuten darstellen sollen. Denn ich bin überzeugt: Sie verwenden eine eigene Einheit, die BVB-Minute. Ich warte nämlich immer viel länger als angezeigt. Und auf die «1» auf der Anzeige folgt nicht etwa eine «0». Stattdessen blinkt dann ein Bus-Logo, mindestens zwei Minuten (sorry – 120 Sekunden) lang. Und es dauert nicht eine Grundeinheit, sondern eine gefühlte Ewigkeit, bis weit weg in der Strassenschlucht endlich der grüne Tatzelwurm auftaucht.

Leider hat uns unser Physiklehrer nichts über Einsteins Relativitätstheorie beigebracht, aus welchen Gründen auch immer. Trotzdem hab ich davon ein klein bisschen eine Ahnung. Denn ich hab auf eigene Faust beim Warten auf den Bus die Relativität der Zeit entdeckt.