Dank der Basler Architekten Jaques Herzog und Pierre de Meuron besitzt Hamburg seit kurzem ein neues Wahrzeichen: die Elbphilharmonie. Die ganze Welt nahm davon Notiz. Die Konzerte der ersten Saison waren seit langem ausverkauft. Mit viel Glück gelang es meiner Frau und mir, in letzter Minute Karten für das Konzert des Chicago Philharmony Orchestra unter Riccardo Muti zu ergattern. Die Aufführung war ein unvergleichliches Erlebnis. Diese Akustik, diese gute Sicht auf das Orchester, diese Atmosphäre!

Die Entstehungsgeschichte der Elbphilharmonie aber war skandalumwittert. Statt 241 Millionen Euro kostete der Bau 789 Millionen, der Anteil der Stadt Hamburg verzehnfachte sich, und statt 2009 war er 2017 fertig. Ein Jahr lang stand alles still, und fast wäre das Vorhaben abgebrochen worden. Doch dann entschloss sich der Hamburger Senat weiterzubauen, und längst sind die Hamburger richtig stolz auf ihr neues Wahrzeichen.

Architektur dieser Art braucht Mut. Man kann immer sagen, eine Stadt sei gebaut, wie seinerzeit die Zürcher Stadträtin Ursula Koch. Zürich hat ja das Grossmünster und das Fraumünster und St. Peter, wozu braucht es Zürich-West? Bern verfügt über eine geschlossene mittelalterliche Altstadt, was benötigt es das Zentrum Paul Klee oder den Baldachin am Bahnhofplatz? Und was bringen Basel mit seinem intakten Zentrum der Messeturm, der Roche-Turm, das Stellwerk oder das Schaulager? Man könnte auf das alles verzichten und die Städte so lassen, wie sie immer waren.

Aber sie waren eben nicht immer «so». Jedes Zeitalter hat durch Bauten Akzente gesetzt. Und jedes Zeitalter schuf sich seine neuen Wahrzeichen. Im Berlin des 18. Jahrhunderts entstand die Prachtstrasse «Unter den Linden», doch seit die Mauer gefallen ist, kamen neue Akzente hinzu, etwa die Reichstagskuppel und das Regierungsviertel oder der Hauptbahnhof, und irgendwann werden die Berliner wohl auch auf den Flughafen BER stolz sein, so wie die Stuttgarter irgendwann auf den neuen Hauptbahnhof («Stuttgart 21»). Paris beschränkte sich ebenfalls nicht auf die Champs Elysée, Notre Dame und den Eiffelturm, sondern baute weiter: die Opéra de la Bastille, das Hochhausviertel Front de Seine oder die Grande Arche. Selbst Köln begnügt sich nicht mit dem Dom, sondern baute die Kranhäuser am Rhein, liess Peter Zumthor für das Kolumba-Museum eine Kirche ummänteln und kriegt eine riesige neue Moschee, die allerdings umstritten ist, auch weil ihre Trägerschaft durch den türkischen Präsidenten Erdoğan kontrolliert wird.

Moderne Architektur, die Zeichen setzt, braucht Mut, und den sollten Regierungen und Parlamente aufbringen, wenn sie vor der Frage stehen, ob sie einen öffentlichen Neubau an Herzog & de Meuron, Mario Botta, Peter Zumthor, Daniel Libeskind oder Renzo Piano vergeben sollen. Gleichzeitig sollten sie die Kosten realistisch vorausberechnen und dem Volk reinen Wein einschenken. Aber dann: los! Noch immer haben die Leute Projekte geschmäht und zur Hölle gewünscht, solange sie im Bau waren. Doch auf das Ergebnis waren meist auch die früheren Gegner stolz.

Damit ist nicht gesagt, dass es nicht auch kühne Projekte gibt, die weder als Ergänzung noch als Kontrast zur Umgebung passen. Neue Architektur ist immer Zwiesprache mit dem Gewachsenen. So kann man beispielsweise das Kasino von Mario Botta in Campione oder das Hochhaus von Renzo Piano in Gallipoli (Apulien) als missraten erachten. Aber die meisten modernen Akzente sind gleichzeitig funktional und schön; sie erfreuen das Auge. Derartige architektonische Wahrzeichen braucht jedes Zeitalter. Selbst solche, von denen es mitunter Eis regnet.