Wir leben in verständnisvollen Zeiten. Nicht, dass wir alles verstehen würden, nein. Wir verstehen sogar immer weniger. Aber dennoch verstehen wir uns immer mehr bloss aufs Verstehen. Noch nie war das Verständnis fürs Verstehen grösser – und das Verständnis fürs Nicht-Verstehen geringer. Alles ist immer und immer wieder aufs Verstehen aus – nur nicht auf das Verstehen des Nicht-Verstehens.

Wer nicht souverän damit umgehen kann, dass er etwas nicht versteht, der ist anfällig für Missverständnisse. Missverständnisse entstehen, wenn Nicht-Verstehen keine produktive Unzufriedenheit oder aktive Gelassenheit mit sich bringt, sondern als falsches Verständnis vollmundig behauptet oder als falsches Unverständnis selbstgerecht vorgeführt wird. Beides verhindert, dass Nicht-Verstehen ein Noch-nicht-Verstehen ist; ein Noch-nicht-Verstehen, das Verständnis weder vorgaukelt noch verneint, sondern die Verständnismöglichkeit offenhält.

Angesichts dieser Lage lässt es sich also fragen: Wie gehen wir damit um, dass wir immer weniger verstehen, obwohl wir immer mehr wissen? Wie verhindern wir, dass wir für das Verstehen sehr wohl Verständnis, für das Nicht-Verstehen jedoch keinerlei Verständnis zeigen? Wie unterbinden wir all die Missverständnisse, die aus Pseudo-Verständnis und Pseudo-Unverständnis hervorgehen?

Ein Zeugnis davon, wie Nicht-Verstehen nicht in Missverstehen umschlägt, liefert der ungarische Schriftsteller Péter Nádas in einem Nachruf, der seinem 2016 verstorbenen Freund und Schriftstellerkollegen Péter Esterházy gilt und in der «Zeit» erschien. Nádas schreibt über Esterházy: «Das will ich vielleicht noch erzählen, dass er der einzige Mensch in meinem Leben war, der mich auch dann nicht falsch verstand, wenn er mich nicht verstand. Und umgekehrt war es auch so, voll und ganz. Es bedeutete Offenheit füreinander, ja, ich darf ruhig sagen, bedingungslose Offenheit und Zutrauen, aber es bedeutete längst nicht, dass wir uns gegenseitig in alle Einzelheiten unseres Lebens eingeweiht hätten.»

Ich habe selten einen so schönen Satz eines Freundes über einen Freund gelesen: Nämlich «dass er der einzige Mensch in meinem Leben war, der mich auch dann nicht falsch verstand, wenn er mich nicht verstand». Dieser Satz sagt alles! Er zeugt von einem Vertrauens-, ja, von einem Zutrauensverhältnis zu einem anderen Menschen, das jedes Verständnis erst ermöglicht und jedes Missverständnis verhindert. Das freundschaftliche Verhältnis begründet einen Bund, in dem jener, der sich nicht verstanden fühlt, sich dennoch nicht falsch verstanden fühlt.

Wer das Nicht-Verstehen nicht falsch versteht, es also nicht zu falschem Verständnis oder falschem Unverständnis umdeutet, der vollbringt eine Kulturtat. Wer den anderen so gross denken kann, dass er das eigene Verständnis immer wieder übersteigt, der verliert den anderen auch dann nicht aus den Augen, wenn er sich dem eigenen Verständnis entzieht. Kurzum: Wenn wir darauf verzichten, das Nicht-Verstehen mit haltlosen Behauptungen, Erwartungen, Meinungen, Unterstellungen aus der Welt zu schaffen, dann
leben wir verständiger in der Welt zusammen.