Analyse

No Billag: Die Unschuld verloren

Antonio Fumagalli
Wemakeit hat das Crowdfunding auf ihrer Seite gestoppt.

Wemakeit hat das Crowdfunding auf ihrer Seite gestoppt.

No Cash für No Billag: Analyse zum politischen Crowdfunding nach dem Rauswurf auf der Plattform «Wemakeit»

Ein Monat war geplant, doch nach gut zwei Tagen war bereits Schluss: Am Montag hat die Online-Crowdfunding-Plattform «Wemakeit» ein Projekt des No-Billag-Initiativkomitees gestoppt. Man wolle dem «extremen und staatspolitisch gefährlichen» Anliegen keinen zusätzlichen Schub verleihen, so die Begründung. Die Initianten hatten versucht, innerhalb eines Monats 100 000 Franken für ihre Kampagne zu sammeln, und waren gemäss eigenen Angaben «voll auf Kurs».

Es ist dies ein freier Entscheid eines privatwirtschaftlich organisierten Unternehmens, das niemandem Rechenschaft über die eigene Geschäftsstrategie schuldet. Dass nun die No-Billag-Drahtzieher laut aufschreien, die sonst bei jeder Gelegenheit der Kraft des Wettbewerbs und des freien Markts das Wort reden, entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie. Sie hätten durchaus etwas genauer prüfen dürfen, mit wem sie sich da ins Bett legen – und hätten dabei wohl bemerkt, dass die früheren Polit-Sammelaktionen auf der Plattform aus dem links-alternativen Lager stammten.

«Wemakeit» verzichtet auf viel Geld

Irritierend ist aber in der Tat der Zickzackkurs von «Wemakeit»: Die No-Billag-Sammelaktion wurde nämlich sehr wohl – wenn auch offensichtlich nur oberflächlich – geprüft vor der Aufschaltung. Angesichts der seit Wochen andauernden, virulent geführten öffentlichen Diskussion über Sinn und Unsinn des Volksbegehrens mutet die Erklärung der Geschäftsführer, man habe «unter dem Zeitdruck die Brisanz nicht richtig erkannt», reichlich naiv an. Immerhin haben sie sich dafür entschuldigt – und dass sie mit dem Schritt auf eine schöne Stange Geld verzichten, mildert einen allfälligen Verlust an Glaubwürdigkeit.

Die in dieser Form bislang einmalige Abschaltung hat für «Wemakeit» und für die ganze Crowdfunding-Szene aber Konsequenzen, die weit über den formellen Beschluss hinausgehen. Spätestens jetzt müssen sich die Digital-Unternehmer die Frage stellen: Wie politisch wollen wir sein? Das Sammeln von Geld für eine Plattentaufe oder eine neue Kochschule ist unproblematisch (und macht den weitaus grössten Teil aller Spendeaufrufe aus). Aber der Tag wird kommen, an dem wieder eine Partei, Interessensgruppierung oder ein Verband an die Tür klopft, um von der breiten Masse finanzielle Unterstützung für ein politisches Anliegen zu fordern. Je klarer die Spielregeln im Vorfeld, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines neuerlichen Eklats. Mit dem «Sendeschluss» für No-Billag haben die «Wemakeit»-Macher die Frage nun beantwortet, wenn auch nicht so, wie sie es sich gewünscht hätten. Bürgerlich-konservative Gruppierungen dürften in Zukunft einen Bogen um die Plattform machen und die bereits jetzt zu beobachtende Entwicklung, dass sich auch im rechten Politspektrum Crowdfunding-Seiten ausbreiten – etwa die noch ziemlich hemdsärmlige Plattform «Tells Geschoss» –, zusätzlich befeuern.

Zur Unterschrift gleich auch noch eine Spende

Denn das digitale Potenzial von politischen Sammelaktionen ist längst nicht ausgeschöpft – sei es für Geldbeiträge oder für Unterschriften. Der «Dringende Aufruf», der vor der Durchsetzungsinitiative rekordhohe 1,2 Millionen Franken einbrachte, hat gezeigt, dass die Spende-Bereitschaft in Teilen der Bevölkerung durchaus hoch ist. Dass dahinter keine Partei, sondern Vertreter der Zivilgesellschaft steckten, war kein Zufall. Etablierte Kräfte befürchten eher, als «Bettler» in Verruf zu geraten. Und sie haben, insbesondere auf bürgerlicher Seite, einfacheren Zugang zu potenten Geldgebern.

Die Kunst des politischen Campaignings Schweizer Prägung wird künftig sein, die Bereitschaft zu einer Unterschrift mit derjenigen für eine finanzielle Unterstützung zu verknüpfen. Wer via Internet den Bogen für eine Initiative oder ein Referendum ausdruckt, mag möglicherweise gleich auch noch einen Geldbeitrag für die (spätere) Kampagne sprechen. Auf der Plattform «Wecollect», die massgeblich zum Sammelerfolg der Vaterschaftsinitiative beigetragen hat, gilt dies für fünf bis zehn Prozent der Unterstützer, wie Gründer Daniel Graf errechnet hat. Sind die Spender grosszügig, finanziert sich eine Unterschriftensammlung so weitgehend selbst – und schlägt damit zwei Fliegen auf einen Streich. Welche politische Gruppierung mag langfristig auf ein solch effizientes Instrument verzichten?

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Antonio Fumagalli

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