Universität Basel

Ökonomie und Kritik

Die Universität Basel am Petersplatz. (Archiv)

Die Universität Basel am Petersplatz. (Archiv)

Wer je ein Strategiepapier verfassen musste, weiss: Vieles kann schon bei Drucklegung veraltet sein. Der Universität Basel ist dies mit ihrer Strategie 2014–2021 zwar nicht widerfahren. Die damalige Festlegung auf fünf Schwerpunkte erweist sich aber bereits heute als Flop: Den Geisteswissenschaften das Thema «Narrativität» überstülpen zu wollen, ging beispielsweise gründlich schief.

Die Strategiegruppe unter dem designierten Präsidenten des Universitätsrats, Beat Oberlin, hütet sich in ihrem gestern veröffentlichten Strategiepapier 2022–2030 explizit vor weiteren pseudoakademischen Top-Down-Schreibübungen. Sie verordnet der Alma Mater stattdessen bis zum Ende der neuen Strategiephase viel Flexibilität. Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst?

Kontinuität in den Strategien ist insofern gewährleistet, als sich die Haltung der Uni-Leitung den Geistes- und Sozialwissenschaften gegenüber nicht geändert hat: Die Life Sciences stehen über allem und die Kulturwissenschaften werden sozusagen als Legitimations- und Deutungslieferanten für ethische und gesellschaftliche Fragen betrachtet. Das ist natürlich eine eingeschränkte und allzu pragmatische Sicht der Unileitung. Aber sie widerspiegelt einen Zustand, der sich schleichend breitgemacht hat: einen Zustand des intellektuellen Stillstands.

Die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit Ökonomie bedarf eines Gegenpols, der sich aus kritischem Geist speist. Woher kommt es, dass die einstige Humanistenstadt Basel zwar auf gut gefüllten Geldtöpfen sitzt und ein grosses kulturelles Erbe ihr Eigen nennen darf, jedoch bei Debatten zur Zukunft dieses Erbes in Mittelmässigkeit versinkt? Wo sind jene, die allein schon den Begriff der «Life Sciences» einer kritischen Begutachtung unterziehen – und vielleicht zu Schlüssen kommen, die für uns Basler und die Leitung der Universität, die immer mehr sogenannte Drittmittel bei den Pharma-Multis einholen möchte, nicht bequem wären? Kurzfristig mag das unangenehm sein, langfristig profitieren alle davon.

Mit Beat Oberlin übernimmt ab dem kommenden Jahr ein Baselbieter das Zepter im Universitätsrat. Er wird den langjährigen Präsidenten Ueli Vischer ablösen. Der ehemalige Chef der Basellandschaftlichen Kantonalbank wird mit Sicherheit einen frischen Wind in das Gremium bringen und nach aussen anders wirken als der reservierte, kühle Stadtbasler Vischer: Er ist quirlig, kommunikativ und natürlich im Baselbiet bestens vernetzt.

Im Hinblick auf die künftigen Finanzierungs- und Standortdebatten ist er nahezu eine Idealbesetzung. Seine Amtszeit wird dereinst natürlich nicht am neuen Strategiepapier oder an sinkenden oder steigenden Studentenzahlen gemessen werden. Sondern daran, ob es ihm gelingt, die Universität auch als Instanz kritischen Denkens zu verankern.

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