Herzstück

Offline – ein Zwischenbericht

Martin Dürr wagt den Selbstversuch und lebt bis Ostern ohne Internet.

Martin Dürr wagt den Selbstversuch und lebt bis Ostern ohne Internet.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück über das digitale Fasten.

Meine selbst gewählte Offline-Zeit dauert noch bis nach Ostern. Zu früh für ein Fazit. Erste Erkenntnisse habe ich: Die schwierigsten Momente sind Wartezeiten. Warten auf einen Vortrag, zu früh auf dem Perron, viele Leute im Wartezimmer: Der Griff zum Smartphone ist die Reflex-Bewegung gegen Ungeduld, wie die Hand vor den Mund geht beim Gähnen.

Da stehe ich in der Schlange im Laden. Warum wird eine weitere Kasse immer erst dann besetzt, wenn es zu spät ist für mich? Hinter mir lauern die Geier auf die neue Kassierin und drücken sich gegenseitig fast in die Berge von Ostereiern, wenn klar wird, an welche Kasse sie geht. Warum geht es in England, dass alle in derselben Schlange stehen? Schnell, gerecht, basisdemokratisch.

Kein Wunder stimmten die für den Brexit, wenn der Rest Europas das nicht hinkriegt. Warum findet die Person vor mir «den Coupon fürs Waschmittel» gerade nicht in der Handtasche? Normalerweise merke ich das gar nicht, weil ich emsig eine Mail beantworte. Alles, nur keine tote Zeit.

Am nächsten Tag beschliesse ich, keinen Zeitdruck zu kennen. Ich erweitere meinen Tunnelblick, der sonst nur auf die vier Artikel eingestellt ist, die ich brauche. Ich stelle fest: Ich bin in die Tier-Food-Abteilung geraten. Ich bin mit einem Hund aufgewachsen, ich mag Hunde. Auch heute finde ich Säugetiere mit Pelz und grosse Dickhäuter im Zolli toll. Aber jetzt mal ehrlich, wie viel Geld geben wir Schweizer für den Unterhalt von Haustieren aus?

Selbst wenn man Blindenführhunde, Bauernhofmaus jagende Katzen und überhaupt alle Tiere auf Bauernhöfen abzieht: Das muss ein Millionengeschäft sein. Geben wir mehr aus für «Tigerli» und «Bello» als für Obdachlose? Das würde ich im Normalfall sofort googeln. Ich mache mich auf den Weg zur Kasse. Meine Güte, all diese Produkte. Wer kauft die eigentlich? Wo wurden diese Waren hergestellt, beschriftet und verpackt?

Das ist ja nicht wirklich ein neuer Gedanke, aber in diesem Augenblick stehe ich tief versunken vor den Regalen wie Buddha unter dem Bodhi-Baum sass. So fühlt sich wohl Erleuchtung an. Oliven aus Griechenland, Crevetten aus Vietnam, Kakao aus Ecuador – so geht das weiter. Wie viele Hände waren beteiligt, damit ich hier an einem normalen Wochentag eine Auswahl habe, die noch vor fünfzig Jahren nur ein König gehabt hätte?

Woher stammen die Matrosen des Schiffs, das die Waren rund um die Welt trägt? Woher der Treibstoff für die tausende Lastwagen? Wer hat die Tunnels in den Stein gebohrt? Was wurde nachhaltig produziert und was ist für immer verloren, damit ich wählen kann, wozu ich gerade Lust habe? Wie viele der Menschen, die für mein Wohlbehagen sorgen, können selbst von ihrer Arbeit leben? Werden sie gut behandelt oder ausgenützt?

Die ganze Welt hat sich unauffällig versammelt im Laden um die Ecke. «Sehen Sie nicht, dass Sie dran sind?» fragt ungeduldig eine Stimme hinter mir. «Tschuldigung», sage ich. Die Kassierin lächelt mich routiniert freundlich an.

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