Nota Bene

Oh, mein Papa

(Symbolbild)

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«Bitte, Papi, noch einmal ‹Roti Rösli im Garte›!» Ich setze zum dritten Mal an und rutsche vor Müdigkeit fast vom Stuhl. Eine halbe Stunde dauert mein Privatkonzert schon. Wann schläft sie endlich ein, frage ich mich. Fünf Strophen hat das Lied! Ich habe sie meiner kleinen Tochter zuliebe alle auswendig gelernt. Also los. Als mir fast die Augen zufallen, stelle ich fest: Juhee, sie schläft. Halb neun. Das passt. Bleibt noch genügend Zeit, um für den Quartierflohmi am Wochenende den Keller zu entrümpeln.

Ich lege ein paar T-Shirts und Jacken bereit. Meine Modelleisenbahn behalte ich. Sobald meine Tochter alt genug ist, stellen wir die zusammen auf. Ich freue mich jetzt schon. Sie sich hoffentlich auch. Die CDs bleiben ebenfalls. Ich habe zwar nur noch im Auto einen CD-Player, aber egal. Jetzt die Bücher. Die halb verschimmelten Schundromane fliegen direkt ins Altpapier. Und die ganzen Wälzer der Uni? «Kognitive Psychologie»? Behalten. «Konsumentenpsychologie»? Sowieso behalten. «Lehrbuch der Anatomie»? Ich kann mich einfach nicht von diesen Büchern trennen! Beim nächsten Schmöker «Lernen – 20 Szenarien aus dem Alltag» bleibe ich hängen und stolpere sogleich über das Kapitel «Michael, der Störenfried – vom operanten Konditionieren und vom sozial-kognitiven Lernen.» Kommt mir bekannt vor.

Stundenlang «Roti Rösli im Garte» singen geht ja noch. Aber was tun, wenn nach einem langen Tag ein täubeliger Heulkrampf kaum zu stoppen ist? In der Vorlesung des Professors klang alles so einfach: positive Verstärker vermeiden. Das heisst: Wer auf das Geschrei reagiert, den trifft es noch härter. Die Lösung: die sogenannte Extinktion. Verhalten nicht beachten, dann wird alles besser. Im Buch lese ich: «Eltern müssen erfahren, dass Extinktionsversuche nicht sonderlich erfolgreich sind.» Nein, wirklich? Jetzt heisst es, erwünschtes Verhalten aufbauen. Tatsächlich hat es letzthin mit einem Kartenspiel geklappt. Nicht nach fünf Minuten, aber immerhin. Ablenkung ist das A und O.

Wenn ich beim Ins-Bett-Bringen wieder zum zehnten Mal «Roti Rösli im Garte» singen muss, drücke ich beide Augen zu. Schliesslich haben mir meine Eltern beim Einschlafen auch Kinderlieder vorgesungen.

Und dafür liebte ich sie.

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