Ich sollte endlich einmal das Handling meines Schlüsselbunds optimieren. Der zeitliche Aufwand, den ich jeweils betreiben muss, um den richtigen Schlüssel zu finden, grenzt an Zeitverschwendung. Und was den Optimierungsbedarf in meiner Wohnung betrifft: Ich hätte nichts dagegen, wenn es selbst reinigende Teller gäbe und Staubsauger, die nicht nur von selbst staubsaugen, sondern ihre Staubsaugersäcke auch selber auswechselten. Der Optimierungs- und Effizienzsteigerungsdruck ist so verbreitet wie das Klagen über den Optimierungswahn, namentlich den Selbstoptimierungswahn.

Dem Optimieren haftet tatsächlich etwas Zwiespältiges an. Das Gute am Optimieren ist, dass wir lernen, mit Raum, Zeit und Geld haushälterisch umzugehen. Das Schlechte daran ist: Das Optimieren hat die Tendenz, zum Sinnsurrogat zu werden. Wir sparen Geld und Zeit, um mehr Geld und mehr Zeit zu haben. Die Frage ist nur: Wofür? Geld wofür und Zeit wofür? Als wäre das Mehr-Zeit- und Mehr-Geld-Haben ein Wert an sich!

Optimieren ist zu einer (leider ziemlich zuverlässigen) Methode geworden, gar nicht mehr die Frage aufkommen zu lassen, ob wir die richtigen Ziele und die richtigen Perspektiven verfolgen. Das hat bei der ganzen Betriebsamkeit auch etwas Entlastendes. Ein Maler, der immer effizienter Sonnenuntergänge mit Palmen im Gegenlicht produziert, braucht sich nicht mehr darüber den Kopf zu zerbrechen, dass er keine Mona Lisa zustande bringt.

Wer immer rascher Müll produziert (im buchstäblichen und im übertragenen Sinne) kann sich zumindest am Schein von Aktivität berauschen, zumal die Mengensteigerung pro Zeiteinheit bei gleichzeitiger Sinnschrumpfung sich so ernüchternd ausnimmt, dass man nach allem greift, was diesen besorgniserregenden Anblick vernebelt.

Es ist aufschlussreich, dass wir eigentlich nur die Dinge zu optimieren wünschen, die wir erledigen, aber nicht gestalten wollen. Dinge eben, die wir möglichst rasch vom Tisch haben möchten – um umso mehr Zeit zu haben für die Dinge, auf die es uns ankommt und die wir bewusst erleben wollen.

Womit wir uns nicht aufhalten möchten, lagern wir an nicht bewusstseinsfähige Algorithmen aus. Sie sind die Optimierungstreiber. Aber wir wünschen uns kein optimiertes Kaffeetrinken (sofern wir gerne Kaffee trinken), keine optimierte Kunst, keine optimierte Liebe und keine optimierten Freundschaften – denn diese Dinge stehen und fallen mit dem Bewusstsein, mit dem wir sie geniessen, leben, pflegen und entwickeln, hier und jetzt.

Auf die «Idee» eines Enjoybots oder Empathobots – eines Genussroboters, der uns den Genuss unserer Lieblingsspeise, oder eines Zuhörroboters, der uns das Mitgefühl abnimmt – sind sogar die Digitaleuphoriker aus dem Silicon Valley bis dato nicht gekommen.

Ich finde, wir sollten endlich dem Optimieren und dem Perfektionismus etwas nachhelfen. Wir sollten sozusagen das Optimieren optimieren, indem wir es von der ersten an die zweite Stelle rücken. Fast alles, was das Leben lebendig macht, geht seines Sinnes verlustig, wenn wir es nur unter Optimierungsgesichtspunkten betrachten. Gerade heute erweist sich das Bessere immer öfter als Feind des Guten und die Verbesserung als der ärgste Feind der Erneuerung.