Vielleicht hätte ich auch zu den Wählern von Trump gehören können. Zwar empfand ich seine Wahl wie einen apokalyptischen Sturz aus dem (fast) heiteren Himmel und ich verfolge seither mit einer Mischung von Entsetzen und ungläubigem Staunen täglich die Trump-News. Doch woher nehme ich die Gewissheit, dass ich mich unter keinen Umständen für ihn entschieden hätte? Können Sie das etwa von sich behaupten?

Vor den Wahlen war für mich klar, dass er einfach nicht gewinnen konnte. Rückblickend musste ich nun erkennen, dass dieses «es kann nicht sein» mehr eine moralische Unmöglichkeit darstellte als eine faktische. Doch moralische Wertvorstellungen sind bekanntlich schlechte Indikatoren dafür, was sich in der Welt ereignen wird. Er hat es nun geschafft – und das ist eine Beleidigung unseres Selbst- und Weltverständnisses, denn er speist seine Äusserungen mit Ansichten, von denen wir glaubten, dass sie in unserer aufgeklärten Welt nicht mehr mehrheitsfähig sein könnten: Rassismus, Sexismus, Populismus, Egoismus, Selbstgerechtigkeit.

Umso mehr sehen wir uns nun genötigt, einen moralisch-ideellen Kampfflug gegen das Aufkommen des reaktionären Populismus zu starten. Dabei fühlen wir uns auf der Seite der Gerechten, denn wir, die wir keine Menschen wie Trump wählen – und solche gibt es ja auch ausserhalb von Amerika – sind weltoffen, tolerant, fortschrittlich, gebildet und demzufolge auch – moralisch überlegen.

Oder etwa nicht? Wir sind doch offen und wenden uns der Welt in all ihren Fazettierungen zu – nun ja, vielleicht nicht allen. Für Engstirniges sind wir nicht so offen, und für Populistisches selbstverständlich gar nicht, diesem schieben wir sofort den Riegel vor. Nicht, dass dieses platte Denken am Ende durch irgendeine Ritze durchsickern könnte. Da hört es mit unserer Toleranz auf. Deshalb träumen wir manchmal davon, vorzuschreiben, wen man wählen darf und wen nicht. Noch besser wäre, wir könnten bestimmen, wer sich zur Wahl stellen darf und wer nicht. Denn die Menschen muss man manchmal vor sich selber schützen. Vom Populismus lassen sich doch vor allem die Frustrierten und Abgehängten einer Gesellschaft verführen. Das Ressentiment als politische Triebfeder? Unter jedem Niveau!

Doch gibt es nicht auch einen moralischen Überlegenheitsdünkel all jener, die glauben, sich mit den «Populismus»-Sympathisanten insofern nicht befassen zu müssen, als diese nur Ressentiments, aber keine vernünftigen Argumente ins Spiel bringen? Würde sich eine pluralistische Gesellschaft nicht gerade darin zeigen, dass jeder die Möglichkeit erhält, sich auszusprechen und ernst genommen zu werden? Das wäre sogar ganz klug, zumal die vermeintliche Randerscheinung einer Gesellschaft sich in den Wahlen schon oft als die entscheidende Mehrheit herausstellte. Die Randerscheinung gerät immer öfter zur Kernerscheinung.

Mit einem Ressentiment gegenüber dem Populismus ist nichts gewonnen. Der Populismus lebt von unseren Versäumnissen. Wer nie angehört wird, wird sich immer lauter wiederholen. Und nur wer gehört wurde, kann zu einem neuen Gedanken ansetzen. Wen es vielleicht beruhigt: Jemandem zuzuhören, heisst noch lange nicht, ihm auch zustimmen zu müssen.