Wenn ich plane, nehme ich die Zukunft in Beschlag. Sie erscheint mir als leerer Raum, in den hinein ich mich entwerfen kann. Diese Sichtweise ist berechtigt, aber einseitig. Ich treffe auf den Widerstand anderer Menschen mit ihren anders gerichteten Plänen; und auf den Widerstand der Gesetzmässigkeiten, die mir unbekannt waren, der Zufälle, die ich nicht vorausgesehen habe. Also wird es nötig sein, meine Pläne anzupassen oder gegebenenfalls den berühmten Plan B aus der Tasche zu ziehen.

Doch vielleicht gehts damit nicht besser – ich erfahre immer bloss Widerstand, wodurch ich über kurz oder lang den Mut verliere und schliesslich resigniere: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Was soll all das Planen – hat doch eh keinen Zweck. Künftig lasse ich einfach alles auf mich zukommen. Es heisst ja schliesslich: Zu-Kunft. Soll sie doch auf mich zukommen!

Bin ich jetzt schon dazu übergegangen zu improvisieren? Offenkundig nicht. Alles einfach auf mich zukommen lassen heisst noch nicht: improvisieren. Improvisieren ist eine Kunst, zum Beispiel in der Musik. Improvisation muss gelingen, damit sie zu einer Alternative zum Planen wird. Worauf beruht ihr Erfolg? Er beruht auf ihrer Sinnfälligkeit, auf einer gewissen Logik ihres Fortschreitens. Man wusste vorher nicht, wohin die Reise geht, aber ist man am Ziel, erlebt man die Reise im Rückblick als folgerichtig.

Der Improvisierende rechnet damit, dass jeder Moment eine Überraschung birgt, und versucht nun, aus dem tatsächlichen, jeweils unvorhersehbaren Geschehen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Um dies tun zu können, muss er selbstverständlich mit gewissen Gesetzmässigkeiten vertraut sein. Nur so evoziert er die Erfahrung, die für die gelingende Improvisation entscheidend ist: nicht vorausgesehen, aber sinnvoll und folgerichtig.

Für das Planen ist die Zukunft ein leerer Raum; für das Improvisieren ein Gegenüber, das sich nach und nach zu erkennen gibt. Der Plan unterwirft das tatsächliche Geschehen seiner Massgabe, während die Improvisation von Schritt zu Schritt am tatsächlichen Geschehen Mass nimmt. Der Plan eilt dem Geschehen voraus und bezieht eine Position, von der aus er auf das gegenwärtige Geschehen zurückblicken kann.

Die Improvisation ist ganz gegenwärtig und stets «nach vorne», auf die unmittelbare Zukunft gerichtet. Die Vorausschau beschränkt sich bei der Planung auf den Anfang, während die Improvisation umgekehrt erst nach Vollendung ihrer Bahn Zeit für Rückschau hat.

Das derart Entgegengesetzte kann aber auch stärker zusammengerückt werden. Nicht nur Improvisation, auch gute Planung berücksichtigt Gegebenheiten, die für die Zukunft Gültigkeit bewahren und ihr damit den Charakter des leeren Raums nehmen. Wie soll umgekehrt die Improvisation Konsequenzen aus dem eben sich Ereignenden ziehen, ohne einer Richtung zu folgen, ohne etwas «vorzuhaben»? Ein «Vorhaben» ist auch eine Art Plan.

Planend greife ich vor, während improvisierend ich mich auf Gegenwart einlasse. Die kritische Frage, welche beide Haltungen betrifft und zugleich deren mögliche Vereinigung andeutet, lautet: Wie weit lässt sich (m)einer Gegenwart vorgreifen, ohne sie aufs Spiel zu setzen?