en PASSant

«Please don’t take me home»

Die Stimmung im Stadion war einmalig.

Die Stimmung im Stadion war einmalig.

Während der Fussball-Europameisterschaft bereist bz-Redaktorin Céline Feller neun Städte und besucht zehn Spiele in fünf verschiedenen Stadien. Im Blog «en PASSant» erzählt sie von den Nebenschauplätzen der EM – von Streiks, Sicherheitsmassnahmen und Sauftouren.

Dieses in England schon länger bekannte Lied ist die Hymne der EM:«Please don’t take me home, please don’t take me home,I just don’t wanna go to work. I wanna stay here, drink all your beer, please don’t, please don’t take me home. » Nicht «Will Grigg’s on fire» und auch nicht «Oh Embolo», sondern «Please don’t take me home». An jeder Ecke und in jedem Stadion war es zu hören.

Nicht nur die Engländer, sondern auch die Belgier, Waliser, Iren, Nordiren oder gar die Deutschen und die Franzosen sangen lauthals, dass sie nicht nach Hause gehen möchten. Und so ging es auch mir. Ich wollte nicht nach Hause. Ich wollte bleiben. Vier Wochen waren wir nun in Frankreich unterwegs, haben zehn Spiele und zehn Städte gesehen und unglaublich viel erlebt.

Ein Highlight heraus zu picken ist schwer. War es das freundschaftliche Zusammensein der Belgier und Italiener? Unsere beiden Trikot-Tausche mit belgischen und deutschen Fans? Die irischen Fans live zu erleben und trotz ihrer Niederlage bis um 2 Uhr nachts mit ihnen zu trinken und feiern? Oder war es das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich, das wir als unser letztes Spiel live miterleben konnten? Ich weiss es nicht. Das letzte Spiel war, was die Stimmung im Stadion angeht, mit Sicherheit das beste Spiel. 90 Minuten lang konnte man sein eigenes Wort kaum verstehen. Und nach Spielschluss hatte man Ohrenschmerzen, so sensationell laut haben Franzosen wie Deutsche ihre Teams bis in die allerletzte Sekunde unterstützt. Ich kann sogar sagen, dass es die beste Stimmung ist, die ich je erlebt habe. Und das sagen zu können, nachdem ich beispielsweise schon in Liverpool, bei Manchester United, und Atlético Madrid war, heisst etwas.

Aber auch ausserhalb der Stadien war die Stimmung in diesem Monat einmalig. Die Bedenken rund um die Sicherheit waren unnötig. Nirgends herrschte Paranoia – ausser in Paris. Viel mehr war es überall ein friedliches Zusammensein. Und auch die Bedenken, die wir hatten, dass wir keine Züge haben würden, erwiesen sich als unnötig. Vom Streik bekamen wir so gut wie gar nichts mit. Wir kamen immer überall hin, ausser auf den Eiffelturm. Der war geschlossen wegen eines Streiks.

So muss ich wirklich sagen, dass dieser Monat trotz einiger Komplikationen eine Wahnsinns-Erfahrung war. Ich bereue es keine Sekunde, für vier Wochen in unser Nachbarland gereist zu sein. Vielleicht waren 15 Zugfahrten in einem Monat etwas viel. Denn ich fühle mich alles andere als erholt. Aber dennoch glücklich. Schade eigentlich, dass mein erstes grosses Turnier, das ich hautnah miterleben konnte, für lange Zeit wahrscheinlich auch mein letztes gewesen sein wird.

In zwei Jahren steht die WM in Russland an, in sechs Jahren jene in Katar. Auf die Erfahrungen, diese Länder zu bereisen, werde ich verzichten. Das weiss ich jetzt schon. Vielleicht schauen wir uns ein Spiel an in St. Petersburg. Wenn wir denn Tickets kriegen. Mehr aber nicht. Und auch die nächste EM in vier Jahren, die auf Städte in ganz Europa verteilt sein wird, eignet sich nicht, um solch eine Erfahrung wiederholen zu können. Umso mehr bleibt dieser Monat in der Grande Nation einmalig.

Dass auf dem Platz auch noch Wunder wie das Weiterkommen der Waliser und der Isländer passierten, wird diese EM auch sportlich immer speziell sein lassen. Und wir waren dabei. Irgendwie kann ich es noch immer nicht ganz glauben. Ich weiss jetzt schon, dass ich die nächsten Tage mit einem Lächeln durch die Gegend laufen werde. Denn ich hatte unglaublich Glück. Aber jetzt bin ich irgendwie auch glücklich – trotz allem – wieder zu Hause zu sein. Glücklich, Familie und Freunde wieder zu sehen. Glücklich, wieder in meinem Bett schlafen zu können. Glücklich, wieder im gewohnten Umfeld zu sein.

Aber ich bin auch glücklich, dass ich nicht allzu lange auf Fussball verzichten muss. Morgen steht das Spiel des Jahres an, in dem ich definitiv Portugal die Daumen drücken werde. Und damit es mir zu Hause nicht langweilig wird, darf ich am Montag für eine Woche zum FCB ins Trainingslager. Für eine Fussball-Süchtige wie mich die beste Art, wieder in den Alltag einzusteigen.

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