Bei mir (m, 40) wurde von meinem Arzt eine ADHS diagnostiziert. Ich nehme nun Medikamente, die mir auch tatsächlich dabei helfen, mich besser konzentrieren zu können. Wäre es sinnvoll, daneben auch eine Psychotherapie zu beginnen?

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Seit einigen Jahren wird die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auch bei Erwachsenen gestellt. Die Auffassung, eine ADHS würde sich von alleine «auswachsen», hat sich als falsch erwiesen. Bei vielen der in der Kindheit Diagnostizierten treten auch im Erwachsenenalter Symptome auf: Aufmerksamkeitsprobleme, Hyperaktivität, starke Impulsivität und Desorganisation – wenn auch auf andere Art als früher. Ein 24-jähriger Student klettert zwar nicht mehr wie ein Sechsjähriger ständig auf den Tischen herum, aber er ist vielleicht während der Vorlesungen mit Fusswippen beschäftigt, kann sich nicht auf den Inhalt eines Buches konzentrieren, schweift ständig ab. Oder er kann trotz vieler Bemühungen seinen Tagesablauf nicht strukturieren, schämt sich fürchterlich dafür und raucht deshalb vermehrt Cannabis.

 

Bei der Behandlung hat sich die Kombination von medikamentöser Therapie (Methylphenidat) und Psychotherapie bewährt. Leider gibt es noch immer Ärzte, die einseitig auf eine medikamentöse Behandlung setzen. Ich kenne aber einige Erwachsene, die dank Psychotherapie mit der Zeit auf Medikamente haben verzichten können oder sie nur noch gezielt in bestimmten Situationen einsetzen. Betroffene sollten eine mit ADHS vertraute Fachperson aufsuchen, da sich eine Psychotherapie in ihrem Fall etwas anders gestaltet als übliche Psychotherapien. Die Therapie sollte möglichst pragmatisch auf die vorhandenen Symptome und Probleme ausgerichtet werden.

Ziel der Therapie kann nicht sein, die ADHS zu heilen; die Therapeutin steht dem Betroffenen vielmehr als strukturgebende Hilfe zur Seite, begleitet ihn dabei, geeignete Strategien zur Bewältigung des Alltags herauszufinden und zu erlernen. In einer wertschätzenden Atmosphäre erfährt er, wie er in bestimmten Situationen denkt, fühlt und sich verhält. Je nach Beeinträchtigung werden dann geeignete Methoden angewendet. ADHS-Betroffene zum Beispiel, die sehr stark an Aufmerksamkeitsproblemen leiden, können mit gezielten Achtsamkeitsübungen ihre Aufmerksamkeitsspanne allmählich ausdehnen.

Zur besseren Organisation des Alltags können To-do-Listen oder Mind-Maps eingesetzt werden. Zur Förderung der Impulskontrolle wird geübt, auftretenden Gefühlen zuerst Raum zu geben, statt sie sofort auszuagieren. Diese Form von Psychotherapie kann sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting stattfinden.

Noch etwas spricht für Psychotherapie bei ADHS: Untersuchungen haben gezeigt, dass sich bei Menschen mit ADHS im Erwachsenenalter oft psychische Krankheiten (Depressionen, Angst-, Sucht- oder Persönlichkeitsstörungen) entwickeln. Das überrascht nicht: Viele Menschen mit ADHS wurden als Kinder nicht in ihrer eigentlichen Not erkannt. Sie fielen negativ auf, wurden von andern gemieden und stets von allen Seiten kritisiert. Für viele war es deshalb schwierig, ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen. Psychotherapie bietet eine gute Möglichkeit, schmerzhafte Erfahrungen zu verarbeiten, indem ihnen endlich die nötige Beachtung geschenkt wird. Somit kann das Risiko für begleitende psychische Erkrankungen bei vielen Betroffenen verringert werden.