In den 70er Jahren war Velofahren in Basel wirklich halsbrecherisch. Es gab kaum separate Spuren oder offene Einbahnstrassen und auch keine Tempo-30-Zonen. Drahtesel waren für viele Automobilisten bloss lästige Hindernisse. 1985 kamen die ersten Mountainbikes auf den Markt. Als Offroader für die Berge konzipiert, setzten sich die bulligen Vehikel bald auch im urbanen Raum durch. Denn ihre Reifen passen in keine Tramgeleise.

Und wenn sich ein Lastwagen bedrohlich näherte, erlaubten die breiten Pneus zackiges Ausweichen auch über scharfe Gehsteigkanten. Der unsportliche Teil der Menschheit entdeckte das Velofahren dank einer Basler Erfindung: 1990 rollte das weltweit erste E-Bike heutiger Prägung aus der Gundeldinger Werkstatt des genialen Tüftlers Michael Kutter.

Solche technischen Innovationen, der Ausbau der Veloinfrastruktur und neue Verkehrsregeln verwandelten Basel in ein Veloparadies. Allerdings hat dieser Garten Eden Lücken: Vielerorts, auch an gefährlichen Stellen, warten wir noch immer auf Schutz spendende separate Spuren. Schnellverbindungen, vor allem ins Umland, sind rar. Parkplätze sind bald permanent so knapp wie für Autos im Weihnachtsverkauf. Vor allem in der Innenstadt, am Badischen Bahnhof und bei schönem Wetter am Kleinbasler Rheinufer ist das Chaos komplett.

Das Fahrrad hat sich etabliert, und sein Anteil am Verkehrsgeschehen wächst weiterhin exponentiell. Das ändert alles – aber noch haben dies nicht alle bemerkt. Einige Velofahrende pflegen weiterhin die kämpferische Pose aus Pionierzeiten: Schaut her! Ich bin moralisch überlegen, weil umweltfreundlich und gesund unterwegs! Sie kurven rasant durch alle Gassen, als gehörten sie zu einer schützenswerten Minderheit, die alles darf, weil sie kein CO2 ausstösst, wenig Platz beansprucht und allgemein ein sportliches Image vermittelt.

Die Massenbewegung Velo ruft aber nach einer anderen Mentalität. Wir brauchen eine neue Fahrradkultur: rücksichtsvoll, freundlich, umsichtig. Zwar flink, wo freie Sicht es erlaubt, aber ganz gemächlich, wenn es die Verkehrsverhältnisse gebieten. Am Fussgängerstreifen müssen auch Velos Vortritt gewähren. Und beim Abbiegen sollten sie ihren Richtungswechsel signalisieren. Velo-Zivilisation wäre eigentlich ganz einfach.

Das handzahme Velo ist auch in der Fussgängerzone kein Problem, wie Beispiele anderer Städte zeigen. Das wäre die Krönung für die tolerante Velostadt Basel: Eine respektvolle Koexistenz, die das friedliche Nebeneinander von Fahrrad und Fussgängerinnen in der Sperrzone der Innenstadt ermöglichte. An der Rheinpromenade bei der Solitude kann man das heute schon ein wenig üben. Der Vorteil für alle: Ein Velo, das langsam fährt, braucht halb so viel Platz wie eines, das gestossen wird.

Dazu kommt noch eine politische Komponente: Einzelne Velo-Rowdies schaden der Gattung Fahrrad insgesamt, weil sie die Aggressionen anderer Verkehrsteilnehmer wecken. Vorsicht auf zwei Rädern würde es deshalb auch vereinfachen, Vorlagen wie den Veloring durchzubringen, der in der Volksabstimmung in der Stadt aus Abneigung gegen Fahrräder scheiterte.