Herzstück

Schlappen, Ohrfeigen und Schläferzellen

Wer verliert ist ein Versager. Unser Autor findet es brauche wieder mehr Mut, um Fehler zu machen.

Wer verliert ist ein Versager. Unser Autor findet es brauche wieder mehr Mut, um Fehler zu machen.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück zur Kultur der Angst und Übermacht der Feiglinge

Es gibt keine Niederlagen mehr. Verlieren ist verboten. Wer trotzdem verliert, ist ein Versager. Das gilt im Sport genauso wie im Geschäft und der Politik. Wer ein Ziel nicht erreicht, hat eine Schlappe erlitten oder kriegt eine Ohrfeige verpasst. Wer sich die Enttäuschung ansehen lässt, ist eine Memme.

Wer sich verletzen lässt durch die Sprache der Sieger, ist ein Loser. Wer die Häme der Leute, die noch nie selbst etwas gewagt haben, nicht lächelnd auf sich nimmt, ist ein Schwächling. Geschieht ihm recht, dieser Heulsuse. Wer sich geirrt hat oder einen Fehler macht, soll sich schämen. Mann, ist der peinlich. Jöggis, was ist die für eine Schneeflocke. Wer weint aus Wut oder Trauer oder Einsamkeit und Scham, ist ein Gränni.

So sieht es aus.

Die Folgen? Wir leben in einer Kultur der Angst. Wer nicht auf der Seite der Sieger steht, wird verachtet. Mach lieber die anderen lächerlich, bevor du drankommst. Auch wenn du ganz weit unten stehst, es gibt immer einen, der noch tiefer ist. Wenn du ihn runterdrückst, kommst du selbst eine Stufe höher. Tritt nach, auch wenn der andere schon am Boden liegt. Du findest immer andere, mit denen du Spott und Hohn über Schwächere teilen kannst.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Fehler gnadenlos verurteilt werden. Riskier lieber nichts, dann kannst du nichts verlieren. Schuster, bleib bei deinem Leisten. Der Pranger im Mittelalter war schrecklich und wurde abgeschafft, aber die Lust der Gaffer und Schmäher heute ist kein My besser. Es ist so gut, dass ich nicht bin wie dieser da. Es tut so gut, diese lächerliche Figur zu sehen.

Weil ich mich selbst nicht ansehen muss. Mein Fehler, wie bitte? Ich sicher nicht. Der andere hat zuerst. Und viel schlimmer. Ich muss mir nichts vorwerfen. Wie man sich bettet, so liegt man. Der hat auch nur gekriegt, was er verdient hat. Keine Ahnung, ob es stimmt, aber wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Wir brauchen wieder Mut, Fehler zu machen. Eine Niederlage ist keine Schande. Ein Fehler ist kein Absturz. Versuch es wieder, verlier ein bisschen weniger klar. Lerne dazu. Spiel immer den Ball, spiel nicht auf den Gegner. Selbst beim Boxen gibt es unerlaubte Schläge. Streite heftig, aber schau dem anderen in die Augen. Gründe eine Schläferzelle der Freundlichkeit. Umgib dich nicht mit Gleichgesinnten.

Ermutige andere. Freu dich, wenn einer etwas besser kann als du. Fördere den, der kritische Fragen stellt. Schütze einen, den alle vorverurteilen. Es kann sein, dass du irrst. Es ist unangenehm, wenn die andere recht hat. Aber es ist nicht das Ende der Welt. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Festhalten an deiner Überzeugung und ignoranter Sturheit.

Es gibt keine letzte Sicherheit, dass du recht hast. Sag den Hasserfüllten deutlich Nein, aber sieh sie an. Erkenne ihre tiefe Verzweiflung über sich selbst. Wer sich selbst nicht annimmt, wird nie offen sein für andere. Wer sich nicht öffnet für andere, wird sich selbst nie annehmen können.

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