Herzstück

Schock und Trauer

(Symbolbild)

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Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück zu der Verarbeitung von Schock und Trauer.

Wie lange dauern Schock und Trauer? Während ich am Euro-Airport in einem Flugzeug festsass, das wegen heftiger Böen nicht starten konnte, fiel ein grosser Baum im Garten der Nachbarn um. Er verfehlte unser Haus nur um Zentimeter und zerstörte Himbeeren, Steinplatten und den Rasen. Ich kam erst zehn Tage später wieder nach Hause. Ein zweiter Baum war gefällt worden, weil er als Sicherheitsrisiko galt. Natürlich hatte ich Fotos auf mein Mobile erhalten – in den wenigen Momenten, in denen ich auf dem Kanal in Waales überhaupt Empfang hatte.

Fast alles war aufgeräumt bei meiner Heimkehr, zuerst von der Feuerwehr und dann von Baumpflegern. Erst als ich im Garten stand und die riesige Lücke sah, wo vorher immer diese imposanten und doch eleganten Bäume gestanden hatten, erreichte mich das Geschehene emotional. Auch jetzt, zwei Wochen später, schaue ich manchmal ungläubig aus dem Fenster und sehe statt Bäume den Himmel. Die Vorstellung, dass ein Mensch dort gestanden wäre, wo massive Steinplatten zersplittert sind, ist schrecklich. Dieser Schreck ist inzwischen abgeklungen. Die Trauer wird noch eine Weile bleiben. Wie lange wohl? Schwer vorherzusagen.

Gestern, am 11.9., jährten sich zum 16. Mal die Anschläge auf das World Trade Center in New York (und das Pentagon). Ich weiss noch genau, wo ich war, als ich davon erfuhr. Für Tage und Wochen sah ich die Bilder und Filme wie in einem endlosen Loop. Es dauerte lange, bis ich dieses Unvorstellbare als Wirklichkeit akzeptieren konnte. Ich sehe auch Verschwörungstheorien in diesem Licht: Wenn uns die Emotionen überwältigen, versucht unser Verstand Zusammenhänge zu sehen, die dem Ganzen einen tieferen Sinn geben – oder klare Schuldige zu finden, die wir zur Rechenschaft ziehen können. Selbstmordattentätern kann man nichts mehr antun, das widerspricht unserem Gerechtigkeitsgefühl. Mir sagen diese Theorien wenig, auch wenn ich die offenen Fragen sehe. Manchmal müssen wir damit leben, dass nicht alles aufgeklärt werden kann. Die Welt und das Leben sind sehr widersprüchlich. Das ist schwer auszuhalten.

Mir fiel auf, dass ich auf gestern zum ersten Mal Termine abgemacht hatte, ohne einen Moment auf das Datum zu achten. Es war einfach ein normaler Montag mit all seinen erwarteten und einigen unerwarteten Ereignissen, Pflichten und Freuden. Die Bilder von den zusammenbrechenden Türmen regen die emotionalen Erinnerungen immer noch an. Für Momente ist wieder alles präsent, als wäre es gerade geschehen.

Die Deutung eines Therapeuten hat mich einmal angesprochen: Die Türme standen da, wie die Eltern für ein Kind: gross, stark, unbezwingbar. Unvorstellbar, dass sie einmal fallen. Wenn dann das Schreckliche geschieht und ein Elternteil oder gar beide fehlen, führt das zu einer tiefen Verunsicherung. Vielleicht erlebe ich gerade etwas davon im Kleinformat mit «meinen» beiden Freunden, den Bäumen. Irgendwann werde ich nicht mehr nur die Lücke sehen, sondern den freien Raum.

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