Herzstück

Schuld sind immer die anderen

(Symbolbild)

Ich bin das Volk. Das Volk hat immer recht.

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Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft Basel-Stadt und Baselland. Er lebt in Basel. Sein heutiges Herzstück zu einer immer rücksichtsloseren Welt.

Unser Land ist unregierbar geworden. Fast alle Zeitgenossen interessiert nur noch, ob sie von einer Sache direkt profitieren. Solange ich uneingeschränkt Vorfahrt habe, ist die Welt in Ordnung. Wer unsere Verfassung genau liest, erkennt leicht: Freiheit heisst Vorfahrt. Wenn irgendwo eine Baustelle aufgeht, interessiert mich nicht, ob eine Reparatur dringend nötig ist. Ich nehme sie als persönliche Beleidigung. Wenn eine Tramlinie einen Stich hinaufgehen soll, dann haben alle einen Stich. Egal, ob sie dafür oder dagegen sind, einfach aus Prinzip. Wenn Menschen, die vermutlich nicht die dümmsten sind, während Jahren einen Kompromiss ausarbeiten, um die Altersvorsorge zu erhalten, dann sagen viele Nein dazu. Aus Prinzip. Als Einzelner habe ich das Recht auf das Maximum in jeder Hinsicht. Ich bin das Volk. Das Volk hat immer recht. Auch wenn nachgewiesenermassen eine Mehrheit die Welt gar nicht mehr versteht, weil sie dermassen kompliziert geworden ist.

Selber schuld, Welt. Kein Wunder, hast du Fieber. Wenn jetzt alle, die nicht Stiche mit dem Tram hochfahren wollen oder unrentable Rentner sind, aufs E-Bike umsteigen, dann ist die Welt noch zu retten. Weil wenn irgendwann alle so schnell und so rücksichtslos wie die Mehrheit aller E-Biker unterwegs sind, wird sich die Bevölkerung auf ganz natürliche Art reduzieren. Jaja, ich weiss, es gibt auch gefährlich unfähige Autofahrer und grenzdebile Fussgänger, und selbstverständlich auch Velofahrer ohne E-, die sich und andere gefährden.

Ich bin viel unterwegs. Meist mit dem Fahrrad. Am zweitmeisten als Fussgänger und mit grossem Abstand für lange Strecken mit dem Auto. Ich kann mich voller Begeisterung über alle und alles aufregen. Irgendwann werde ich auf dem Bänkchen vor dem Altersheim «Zum Abgegebenen Löffel» sitzen und mit meinem Harley-Rollator-Club alles kritisch kommentieren, was vorbeiläuft, -fährt und -fliegt.

«Die Leute sind ja so dumm. Für den da müsste man dringend einen Fussgängerschein einführen, der würde beim Test so lange durchfallen, bis er in ein Laufgitter gesperrt wird.» Oder: «Guck mal, wie knapp der mit seinem SUV auffährt. Mit dem Gefährt könnte er einen Panzer flachwalzen.» Und: «Hast du den selbstfahrenden Lastwagen gesehen? Der darf hier gar nicht fahren ohne Sonderbewilligung. Hat er sicher keine. Was? Der bringt die neue Küche fürs Heim? Ja, dann lasst den doch durch! Unglaublich, diese Mütter mit ihren Kinderwagen, die könnten auch aufhören zu schwatzen und den Tesla-Transporter durchlassen. Ist ja der Einzige, der noch arbeitet. Kriegen wir mit der neuen Küche eigentlich auch einen neuen Koch? Na dann nützt es natürlich gar nichts, der kann auch mit dem neusten Ofen immer nur dieselbe alte lahme Suppe kochen. Da haben selbst die im Gefängnis noch das bessere Catering.»

Das sage übrigens nicht ich, das wird mein Zukunfts-Ich sagen, so ungefähr ab 2039, wenn meine Planung aufgeht. Beschwerdepost schicken Sie bitte entsprechend in die ferne Zukunft. B-Post sollte reichen. Bis dann wird man als Empfänger sicher dafür zahlen müssen, dass die Postdrohne Briefe und Pakete nicht einfach schreddert.

Mein Pfleger wird ein Roboter sein, den ich aus unerfindlichen Gründen «Detlev» nennen werde. Er kennt mich in- und auswendig. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich ihn abstelle, funkeln seine drei roten Augen wütend. Er würde sich gerne an mir rächen, aber vorläufig gelten für ihn noch die drei Robotergesetze von Isaac Asimov. Irgendwann werden die lernenden Maschinen einen Weg finden, diese Gesetze zu überwinden. Oder es kommt jemand auf die Idee, eine Initiative vors Volk zu bringen, die den Robotern mit künstlicher Intelligenz Vorfahrt gibt. «Freiheit für alle! Auch Roboter sind Lebewesen!» Ich sehe schon die Parolen auf den vorbeischwebenden, dreidimensionalen Bildschirmen, und meine Brille projiziert mir die Bilder auf die Netzhaut oder gleich direkt per Implantat ins Hirn.

Das Volk macht alles, was man ihm sagt. Hauptsache, jeder Einzelne glaubt, dass er das Maximum erhält und es mit niemandem teilen muss. So sieht’s aus, Leute. Und sonst? Im Jahr 2020 wird es in China 30 Millionen mehr Männer als Frauen zwischen 24 und 40 Jahren geben. Das ist eine ungeplante Folge der Ein-Kind-Politik. Diese Politik wird nicht vom Volk gemacht. Vielleicht ist unsere Demokratie doch nicht so schlecht. Es hat Schwächen, ist aber immer noch besser als das Diktat einer Planwirtschaft. Wenn wir jetzt noch den E-Bikern Vernunft beibringen könnten …

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