Wenn das kein Coup ist! Unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit haben die Verantwortlichen der Schwingerverbände von Basel-Stadt und Baselland unter der Leitung des Baselbieters Regierungspräsidenten Thomas Weber das Ei des Kolumbus ausgebrütet. Nicht etwa das Joggeli und die angrenzenden Fussballplätze sollen Austragungsort des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2022 werden, sondern Pratteln (Seiten 26 und 27). Nicht irgendein Ort in Pratteln, sondern einer nahe der Hülftenschanz. Dort, wo 1833 die Landschäftler den Städtern den Meister zeigten. Und seither alles wollen, bloss keine Fusion.

Was da angedacht wurde, könnte durchaus eine ideelle Signalwirkung haben. Es wäre den beiden Basel jedenfalls zu wünschen. Baustellen, die besser koordiniert werden sollten, gäbe es genug. Die Spitalgruppe ist alles andere als in trockenen Tüchern, auch wenn die Regierungen für einmal am gleichen Strick ziehen. Sentimentale regionale Interessen gefährden das Projekt. Die Bruderholz-Initiative, über die im Mai abgestimmt wird, ist nicht chancenlos, denn es lassen sich mit ihr trefflich Ressentiments bewirtschaften. Und die Diskussion um die Uni-Finanzierung hat noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Die Sprache der Baselbieter wird deutlicher, die Städter halten dagegen. Da mag vor dem Hintergrund der (vertraulichen) Verhandlungen eine gehörige Portion Theaterdonner dabei sein. Tatsache bleibt: Auf dem Spiel steht einer der wichtigsten Standortfaktoren der Region.

Edelweisshemd, Villiger-Stumpen und Flaschenbier

Dass erst Schwinger kommen müssen, um zu zeigen, wie man gemeinsam mehr erreichen kann, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ausgerechnet Schwinger! Vertreter einer urschweizerischen Sportart, politisch konservativ, bewahrend, selbstbestimmend, überwinden den Kantönligeist. Einmal mehr zeigt sich, dass dieses Klischee je länger je weniger stimmt. Ein Eidgenössisches ist Spitzensport, gepaart mit einer gehörigen Portion Kommerz. Edelweisshemd, Villiger-Stumpen und Flaschenbier gehören dazu, aber sie sind nicht mehr ausschliesslich Ausdruck eines bestimmten Lebensstils oder gar parteipolitischen Haltung. Ein Eidgenössisches ist ein riesiges Volksfest für alle, zu dem längst nicht nur Bauern strömen, sondern Menschen aus allen Schichten, selbst Städter. Bei einigen dürfte zwar ein gewisser Oktoberfesteffekt zu beobachten sein. Man geht hin, um in exotischer Umgebung Party zu machen. Für andere ist es eine Reise in eine vertraut-fremde Welt. Für alle Besucherinnen und Besucher eines allfälligen Schwingfests in Pratteln aber gilt: Sie bewegen sich in der wahren Schweiz.

Autobahn, Eisenbahn und Starkstromleitung

Denn das Festgelände wird umrahmt von Autobahn, Eisenbahn, Starkstromleitung und Hochhäusern. Genauso sieht die Schweiz in weiten Teilen aus. Zumindest das Mittelland ist längst eine einzige Agglomeration. Dieses Ambiente passt besser als ein Fussballstadion und steht einem Militärflugplatz, wie er 2016 in Payerne Austragungsort war, in nichts nach. Zudem müssen die Organisatoren nicht fürchten, wie in Aesch von ein paar Hasen ausgekontert zu werden. Es wäre den beiden Schwingerverbänden zu wünschen, dass sie sich nächstes Jahr bei der Vergabe durchsetzen. Der Hülftenschanz täte eine symbolische Auffrischung gut.